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(Modul AVL 212b) 16410 PS
Julia Weber
'Ecriture de Soi' - Subjektkonstitution im Medium der Schrift von Montaigne bis Friederike Mayröcker
Do 14.00-16.00 Uhr
Rost- / Silberlaube Habelschwerdter Allee 45, KL 29/137
Beginn: 19. April 2007
Autobiographien sind Texte der Selbstidentifikation. Ihr Ziel ist es, das Verhältnis von Ich und Welt zu klären. Dieses Verhältnis wird typischerweise dann thematisiert, wenn es problematisch geworden ist. In Gesellschaften, in denen der Platz und die Rolle jedes einzelnen durch den Stand, in den er hineingeboren wurde, festgelegt war, bestand für Individualität und Selbstvergewisserung im modernen Sinne weder Notwendigkeit noch Möglichkeit. Erst mit der Emanzipation des neuzeitlichen Individuums bekommt die Autobiographie ihre spezifische Funktion. Der Sinnzusammenhang des Lebens, die Einheit der Person im Verlauf durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sind nicht naturwüchsig und als innerer Kern der Persönlichkeit immer schon da, sondern werden erst in und durch die autobiographische Erzählung konstituiert: Das autobiographische Ich findet im Akt der schriftlichen Selbstvergewisserung zu seiner Identität.
Im Anschluss an Michel Foucault Konzept der „écriture de soi“, das im Gegensatz zur herkömmlichen Autobiographie-Deutung davon ausgeht, dass das Subjekt nicht etwas bereits Erlebtes nachträglich niederschreibt, sondern dass es sich im Akt seines Schreibens überhaupt erst selbst konstituiert, werden wir im Seminar verschiedene Strategien schriftlicher Selbstkonstitution aus unterschiedlichen historischen Epochen vergleichen.
Beginnend mit Auszügen aus Montaignes Essais (1580-95) und Rousseaus Confessions (1764-70), sollen in der Folge autobiographische Texte etwa von Karl Philipp Moritz (Anton Reiser, 1785/90), Goethe (Dichtung und Wahrheit, 1811/14), Franz Kafka (Tagebücher, 1910-1923), Gertrude Stein (Autobiography of Alice B. Toklas, 1933), Michel Leiris (L'Âge d'homme, 1938/46) bis hin zu Rainald Goetz (Abfall für Alle, 1999) und Friederike Mayröcker (Die kommunizierenden Gefäße, 2003) diskutiert und auf ihre Strategien der Selbstkonstitution analysiert werden.
Zur Einführung:
Carola Hilmes: Das inventarische und das inventorische Ich. Grenzfälle des Autobiographischen. Heidelberg 2000.
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