16736 Übung
Deutsch-Jüdische Identitätsdiskurse 1915-1935
Mit dem Text Deutschtum und Judentum von Hermann Cohen, verfaßt im Krieg 1915, beginnt eine besonders intensive Phase der (Selbst-) Verständigung der deutschen Juden - und die letzte vor dem Zivilisationsbruch der Shoah. Auf Cohens Darlegung antwortet sein Schüler Franz Rosenzweig mit einer (bezüglich des in Deutschland Erreichten) skeptischeren Replik unter dem gleichen Titel.
Von dieser Debatte der beiden großen jüdischen Religionsphilosophen ausgehend und sie durch Hinzuziehung der Interpretationen Derridas (in: Interpretations at War) anreichernd und aktualisierend wollen wir die Identitäts-Debatten und Konstruktionen deutscher jüdischer Intellektueller von 1915-1935 analysieren. Einen Leitfaden bieten dabei die Texte des Reclam-Bändchen Deutschtum und Judentum (Hg. von C. Schulte). Ergänzt werden soll diese Auswahl durch Theodor Lessings Jüdischer Selbsthaß sowie durch Texte von Leo Baeck und Arnold Zweig von 1935.
Da diese deutschen Versuche einer jüdischen Identitätskonstruktion nicht zu verstehen sind ohne ihren Kontext des deutschen Antisemitismus soll eine (maximal zwei) der Sitzungen zur Analyse von rassistischen Texten verwendet werden: Passagen aus Hitlers Suada (1925) und je nach Teilnehmerinteresse und Referatbereitschaft auch noch Passagen der 'theoretischen' Grundlagen des XIX. Jahrhunderts von Houston Stewart Chamberlain oder der literarischen Texte Gustav Freytags (Soll und Haben) oder Arthur Dinters Die Sünde wider das Blut.
Methodisch werden wir als Literaturwissenschaftler unser Augenmerk auf die rhetorische Verfaßtheit der Identitätsentwürfe richten, z.B. ihre narrativen oder appellativen Momente analysieren. Foucault oder Judith Butler bieten den Rahmen, Identitäten nicht als feste Substanzen, sondern als sprachlich produzierte Konstrukte zu denken.
Komparatistisch ist die Übung weniger in ihrer Spracheinfalt (deutsch!) - jedoch in der Vielfalt der verschlungenen Disziplinen: Historisches, Soziologisches, Psychologisches, Religionsphilosophisches und Literarisches werden wir streifen. Daher werden wir zuallererst Philologie des Verstehens betreiben müssen und uns angesichts der vielen involvierten Fachwissenschaften in philosophischer Demut à la Odo Marquard üben: Arbeiten an einer "Inkompetenzkompensationskompetenz".
ZUR VORBEREITUNG:
- Andreas Nachama [u.a.] (Hrsgg.): Jüdische Lebenswelten. Katalog und Essayband zur Ausstellung im Martin Gropius Bau 1992.
Frankfurt am Main 1993 (insbesondere: Paul Mendes-Flohr: "Exil und Diaspora").
- Christoph Schulte (Hrsg.): Deutschtum und Judentum.
Stuttgart (Reclam) 1993.
- Gert Mattenklott: Über Juden in Deutschland.
Frankfurt am Main 1992.
- Walter Benjamin: Juden in der deutschen Kultur.
in: ders.: Gesammelte Schriften. Band II, 2.
Frankfurt am Main 1977/1991.
- Hans Mayer: Der Widerruf. Über Deutsche und Juden.
Frankfurt am Main 1994.