Nachtrag Proseminar
Herman Melville, 'Moby Dick'
Captain Ahab, der im Kampf mit einem weißen Wal ein Bein verloren hat, jagt diesen um die ganze Welt, um sich an ihm zu rächen, geht jedoch, als er ihn endlich findet, mitsamt seiner ganzen Mannschaft (außer dem Erzähler Ishmael) unter.
Der Roman, dessen plot so knapp zusammenzufassen ist, erstreckt sich (in der 'Erwachsenen-Fassung') über 600 Seiten: Ist nur ein Buch im Folio-Format dem Wal im Folio-Format (Melvilles eigene Metaphorik) gewachsen? Oder jagt der Gestaltungswille Melville, wie der Wal Ahab durch die Weltmeere, durch alle Provinzen der Literatur?
"Moby Dick is a book in love with language" (Richard H. Brodhead): Deshalb wird ihm nur eine genaue Lektüre gerecht. Zugleich evoziert der Roman verschiedenste Kontexte: die 'Geburt' einer amerikanischen Nationalliteratur im Zusammenspiel mit Nathaniel Hawthorne (dem der Roman gewidmet ist), die Frage nach dem Verhältnis von Literatur und Naturwissenschaft (hier insb. die 'Cetologie' oder Walkunde), der Rekurs auf eine biblische Vorlage (das Buch Jona) im Felde der konkurrierenden amerikanischen Religionen u.a.
Das Seminar soll daher ein 'close reading' des Romans mit Exkursen in seine Quellen und Nachbarschaften verbinden. Seine Lektüre wird nicht vorausgesetzt, wohl aber die Bereitschaft, diese in den ersten sechs Semesterwochen - anhand der Originalfassung - zu unternehmen. Weil der Roman in handliche Kapitel unterteilt ist, sind die verschiedenen Ausgaben untereinander halbwegs kompatibel, z.B. auch die preisgünstige der 'Penguin Popular Classics', die in vielen Bücherkisten zu finden ist.