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16400 Vorlesung

Robert Stockhammer

Literatur und Wissen


Ärzte, Wagenführer und Wahrsager vermögen das in den homerischen Epen überlieferte Wissen aus den Bereichen der Medizin, Wagenrennen und Wahrsagekunst besser zu beurteilen als der Homer-Spezialist: Seit sich der Rhapsode Ion (in Platons gleichnamigem Dialog) von Sokrates in die Enge treiben ließ, weiß die Literaturwissenschaft nicht mehr so recht, worin ihr Wissen besteht.

Zweifellos zielt ihre zentrale Frage darauf, was Literatur IST; doch gehört zu deren Verfaßtheit ja gerade auch dies, in welcher spezifischen Form sie das Wissen von verschiedensten anderen Gegenständen in sich aufnimmt, das sonst in den verschiedensten Disziplinen verhandelt wird. Zwar beansprucht die Literaturwissenschaft am historischen, philosophischen oder psychologischen Wissen immerhin noch zu partizipieren; bei der Frage nach dem Verhältnis der Literatur zu den sogenannten 'exakten' Wissenschaften ist sie jedoch nur selten über einzelne Untersuchungen zur Einflußgeschichte hinausgekommen.

Diese Vorlesung knüpft an solche Forschungen an, um sie auf genaue Lektüren literarischer Werke zurückzubeziehen. An ihrem Horizont steht die Hypothese, daß es so etwas wie 'exakte Literatur' gibt.

Probiersteine für diese Annahme kommen aus mehreren Epochen, Nationalliteraturen und Feldern des Wissens, z.B.: Wie genau läßt sich Dantes Hölle vermessen? Welches Interesse steckt hinter der Behauptung, Shakespeare sei mit Francis Bacon identisch? Welche Wechselwirkungen bestehen zwischen der von der 'Royal Society' propagierten 'New Science' und der englischen Literatur von Milton bis Swift? Wie unterscheidet sich die Sprache des Natuwissenschaftlers Goethe von derjenigen des Naturlyrikers gleichen Namens? Warum gibt es in der Erzählprosa seit 1800 mehr 'mad scientists' als 'vernünftige' Naturwissenschaftler?

ZUR VORBEREITUNG:

  • Platon: Ion.
  • Heinz Schlaffer: Poesie und Wissen. Frankfurt am Main 1990.


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