16420 Proseminar
Literatur und Kombinatorik
Zweierlei steht in diesem Seminar zur Debatte: Die Kombination und Vertauschbarkeit von Zeichen als implizites Prinzip von Sprache und Dichtung, wie sie die strukturalistische Literaturtheorie untersucht, und Kombinatorik als explizites Prinzip von Anagramm-, Proteus- und Automaten-Dichtungen, für die in den sechziger Jahren der Begriff 'permutationelle Kunst' geprägt worden ist.
Den Schwerpunkt des Seminars bildet eine historische Einführung in kombinatorische Sprachspiele von der Spätantike bis zur Gegenwart: Wortwechselsätze und -gedichte der Antike, ihre Kanonisierung in der Renaissance, ihre Umdeutung in den Kontext spekulativen Sprachdenkens und hermetischer Wissensdiskurse im 17. Jahrhundert, Systeme und Rezeptionsgeschichten der Kabbala und der ars combinatoria des Raimundus Lullus, schließlich die Neuentdeckung permutativer Sprachspiele in der Moderne; Mallarmés Livre, Dada-Gedichte, Unica Zürns Anagramme, konkrete Poesie, Cutups, Dichtungen der Oulipo-Gruppe um Raymond Queneau, George Perec und Italo Calvino, Computerdichtung der Gegenwart.
Bei unseren Lektüren sollen Textformen, implizite Poetiken und Sprachtheorien kombinatorischer Dichtungsspiele vergleichend analysiert sowie definitorische und zeichentheoretische Probleme benannt werden, vor die diese Literatur ihre Leser stellt. Im Spätsommer haben wir darüber hinaus Gelegenheit, eine Tagung des Oulipo im Literaturhaus Berlin zu besuchen.
EINFÜHRENDE LITERATUR:
- Roman Jakobson: Linguistics und Poetics.
in: ders.: Selected Writings.
La Hague, Paris und New York 1981, Band 3, S. 18-51.
- Alfred Liede: Dichtung als Spiel.
Berlin und New York 1992 (1966), Band 2, Abschnitt "Der Proteusvers"; S. 160-168.
- Jonathan Swift: Gulliver's Travels.
Part III, Chapter IV ("Grand Academy of Lagado").
Diese und weitere Titel stehen im Handapparat.