16452 Hauptseminar
Theorien der Trauer
In philosophischer und poetischer Tradition stand die Trauer lange Zeit im Schatten ihrer Stiefschwester, der Melancholie. Sofern beide Begriffe nicht ohnehin gleichgesetzt wurden, billigte man der Melancholie eine theoretische Dignität zu, auf die die Trauer, da allzu gebunden an alltägliche Erfahrung und allgemein praktizierte Riten, keinen Anspruch zu haben schien.
Im 20. Jh. leitete Freuds Studie Trauer und Melancholie (1917) einen Paradigmenwechsel in der Behandlung beider Begriffe ein. Und in jüngerer Zeit haben gerade literatur-theoretische Arbeiten (Haverkamp 1991, Bohrer 1996) ihr Interesse an der Trauer bekundet.
Das Seminar wird die psycho-analytische Diskussion des Begriffs ins Zentrum rücken, von Freuds Studie bis zu den Beiträgen von Nicolas Abraham und Maria Torok (v. a. Kryptonymie. Das Verbarium des Wolfsmannes. 1976). Den Hintergrund dieser Diskussion bildet die berüchtigte Fallgeschichte des sog. 'Wolfsmannes' (dokumentiert in: Der Wolfsmann vom Wolfsmann. Hg. von M. Gardiner. 1972).
Auf dem Programm stehen ferner u. a. Jacques Derridas Aufsatz "Fors. Les mots anglés de Nicolas Abraham et Maria Torok" und Jan Philipp Reemtsmas Trauer-Essay "Geh nicht hinein". Jeder der genannten Texte eröffnet vielfältige Bezüge zur Literatur und ihrer Theorie.
ZUR VORBEREITUNG:
- Freud: Trauer und Melancholie.
in: Studienausgabe, Band III, Fischer 1989. - zur Anschaffung empfohlen!
- Maria Torok: "Trauerkrankheit und Phantasma des 'Cadavre exquis'".
in: Psyche. 37.6 (1983).