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16460 Hauptseminar

Jana Ziganke

Tagebuch


"Ich glaube, und zwar glaube ich es aufrichtig, daß es keinen besseren Weg gibt, um ein ernsthafter Schriftsteller zu werden, als täglich etwas zu kritzeln",

vertraut Italo Svevo am 2.10.1899 seinem Tagebuch an. Drei Jahre später fügt er hinzu:

"Ich führe Tagebuch über meine letzten Lebensjahre, aber keineswegs in der Absicht, es zu veröffentlichen. Ich habe jene lächerliche und verderbliche Angelegenheit, die man Literatur nennt, ein für allemal aus dem Leben gestrichen. Diese Blätter sollen mir nur dazu dienen, mich besser verstehen zu lernen."

Svevos Postulate bestimmen den Ausgangspunkt unserer Reflexionen über

  1. Gattungsproblematiken des Tagebuchs - die Grenziehung zu anderen autobiographischen Formen des Schreibens, zur 'Literatur' überhaupt
  2. Methoden des Tagebuchschreibens - die systematischen 'Kritzel'-Wege in der Spannung zum kontingenten endlichen Lebensverlauf einerseits, zur poetischen Werkgenese andererseits
  3. den prekären Authentizitätsanspruch eines Tagebuchs als scheinbar strikt privates Aussprache-Medium
  4. dessen Funktion für eine symbolische Leidverarbeitung und Distanzierung von Unerträglichem.

Nicht zuletzt wird es in unserem Seminar um eine für die Literaturwissenschaft generell relevante Frage gehen: Inwiefern ist es theoretisch legitim und methodisch sinnvoll, Tagebuchstellen für die Deutung anderer Textprodukte eines Autors heranzuziehen?

Der SCHWERPUNKT DES SEMINARS wird aus pragmatischen Gründen zum Großteil auf Tagebüchern von europäischen Schriftstellern und Schriftstellerinnen der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhundert liegen, die sich durch ganz unterschiedliche Aspekte auszeichnen - die Vorstellung eines Tagebuchtextes einer anderen Epoche oder eines nicht europäischen Autors ist aber eventuell möglich.

Referatsvorschläge können mit mir schon in den Sprechstunden während der vorlesungsfreien Zeit abgesprochen werden. Die endgültige Textauswahl soll in der ersten Sitzung zusammen mit den Teilnehmern festgelegt werden. Voraussetzung für die Teilnahme am dreistündigen Seminar ist die Bereitschaft zur Übernahme eines Kurzreferats.

GELESEN werden u.a. in Auszügen:

  • Cesare Pavese: Il mestiere di vivere
  • Franz Kafka: Tagebücher
  • Michel Leiris: L´Afrique fantôme
  • Robert Musil: Tagebücher
  • Virginia Woolf: The Diary of V. W.

ALS EINSTIEG in unsere Lektürearbeit empfehlen sich die Anthologie von Gustav René Hocke: Das europäische Tagebuch. München 1978 sowie Ralph-Rainer Wuthenow: Europäische Tagebücher. Eigenart - Formen - Entwicklung. Darmstadt 1990.


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