16420 Proseminar
Fälschung
Wenn Fiktion sich dadurch definiert, daß sie fingiert ist; wenn alle Dichtung erdichtet ist und alle Kunst künstlich, kann es da überhaupt den Spezialfall - und Straftatbestand - einer fingierten, gefälschten Dichtung geben? Der Begriff der literarischen Fälschung entsteht erst im 18. Jahrhundert, historisch parallel und begrifflich komplementär zum Konzept des Authentischen in der Literatur. Um die Echtheit von Empfindungen und Texten geht es in der Erfolgsliteratur dieser Periode, den Briefromanen. Einige Briefromane wie die Lettres portugaises sind selbst gefälschte Dokumente, andere, wie Diderots La religieuse, generieren ihren Text durch Falsifikate oder lassen, wie Goethes Werther, ihre Briefschreiber emphatisch über den schottischen Barden Ossian sprechen, der sich Jahrzehnte später als Produkt eines Fälschers erweist.
An literarischen Fälschungen wie Stephen MacPhersons Ossian-Gesängen und Thomas Chattertons Shakespeare-Dramen zeigt sich, daß die Genese der Genieästhetik des 18. Jahrhunderts - scheinbar paradox, aber nicht ohne Grund - mit der Genese von Literaturgeschichte und literarischer Philologie verknüpft ist. Und ebenso widersprüchlich dokumentieren Fälschungen den großen Paradigmenwechsel von der regelpoetischen zur ästhetischen Definition von Kunst. Mit dem Vorrang des Wahrgenommenen gegenüber dem Gemachten entsteht erst ein Markt für künstliche Fabrikationen des natürlich Empfundenen. So schreibt sich die Fälschung, Extremform des Poetischen, als notwendiges negatives Moment in die nun ästhetisch definierten Künste ein.
Der Schwerpunkt des Seminarprogramms liegt auf Literatur und Kunsttheorien des 18. Jahrhunderts; Grundkenntnisse hierzu werden nicht vorausgesetzt, sondern sollen vermittelt werden. Zuvor werden wir Pseudoepigraphien am Beispiel des Corpus Hermeticum besprechen, in den Schlußsitzungen die Fälschung als poetisches Verfahren bei Vladimir Nabokov und Georges Perec.
ZUR VORBEREITUNG:
- Karl Corino (Hg.): Gefälscht !. Betrug in Politik, Literatur, Wissenschaft, Kunst und Musik.
Reinbek (Rowohlt) 1992,
Nördlingen (Greno) 1988.
- Anthony Grafton: Fälscher und Kritiker.
Frankfurt am Main (Fischer) 1995,
Princeton (Princeton U.P.) 1990)
(Siehe auch bei den Seminararbeiten.)