52751 Vorlesung
schreiben, daß man es fühlt:
Die sentimentale Epoche
Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts wird Literatur zum Schauplatz und Austragungsort affizierender und selbstaffizierender Schrift. Der mit der Anonymität, der Äußerlichkeit, der Kälte, der Künstlichkeit, der kommunikativen Zerdehntheit (Schriftkommunikation als Distanzkommunikation) und anderen Argumenten begründeten Schriftskepsis (Herder, Rosseau) konkurriert eine Schriftjubilatorik, die den Akt des Schreibens sowie dessen Produkte (Briefe, Tagebücher, Monogramme, Alben, Autobiographien) erotisiert und fetischisiert. Strömende Schriften machen den Schriftverkehr zu einem Medium exklusiver Emotionalität (Tränenstöme/Tintenströme).
Solchen Zusammenhängen will die Vorlesung nachgehen und dabei insbesondere die prädestinierte Rolle der Literatur als Modell für ein solches emphatisches Schriftverständnis untersuchen. Nicht zuletzt sollen auch die damit verbundenen Veränderungen für Produktion (Autorenbild) und Rezeption (Lesermodelle, Leserhabitus) von Literatur ins Blickfeld geraten, etwa am Beispiel des Romans als Gattung eines atmosphärisch verdichteten einsamen Schreibens und einsamen Lesens, oder anhand des Briefromans als literarisierter Form einer auf Sympathie gründenden Korrespondenz.
Diskurshistorische Zusammenhänge (zeitgenössische Konzepte von Sympathie, Einbildungskraft, Magnetismus etc.) sollen berücksichtigt werden. Angestrebt ist, bei Konzentration auf den russischen Sentimentalismus, dessen Einbeziehung in einen internationalen Kontext.
VORBEREITENDE LEKTÜRE:
- Rüdiger Campe: Affekt und Ausdruck. Zur Umwandlung der literarischen Rede im 17. und 18. Jahrhundert.
Tübingen 1990.
- Jaques Derrida: Grammatologie.
Frankfurt am Main 1983.
- Friedrich Kittler: Aufschreibesysteme 1800/1900.
München 1985.
- N. D. Kocetkova: Literatura russkogo sentimentalizma.
Sankt Petersburg 1994.
- Albrecht Koschorke: Körperströme und Schriftverkehr. Mediologie des 18. Jahrhunderts.
München 1999.
Die genannten Texte werden rechtzeitig zu Beginn der Semesterferien teilweise als Kopievorlage (Copy Clara), teilweise im Handapparat (Zweigbibliothek Slawistik) für Interessierte vorliegen.