52758 Hauptseminar
Georg Witte und Mirjam Patricia Goller
Die Zeit der Erzählung
Achilles und die Schildkröte wollen über hundert Meter um die Wette laufen. Achilles, seines Sieges sicher, gibt der Schildkröte eine Vorgabe von zehn Metern. Der Wettlauf beginnt. Nach ein paar Sprüngen hat Achilles den Punkt erreicht, an dem die Schildkröte startete. Die Schildkröte ist nur noch einen Meter vor Achilles. Im nächsten Augenblick wird Achilles diesen Punkt erreicht und die Schildkröte eingeholt haben? Aber in diesem kurzen Augenblick ist die Schildkröte wieder ein kleines Stückchen weitergekommen, so daß Achilles wieder nur ein kleines Stückchen hinter ihr ist und so fort. Er wird sie nie ganz einholen, sozusagen erst im Unendlichen.
Diese Geschichte ist nur eine Möglichkeit von vielen, Zeit in ihrer Paradoxalität zu beschreiben. Zeit ist immer in unterschiedlichen Kategorien und Konzepten gedacht worden, von denen in diesem Hauptseminar einige zeitphilosophische (vorwiegend aus dem 19. und 20. Jahrhundert: Henri Bergson, Edmund Husserl, Friedrich Cramer, Ilya Prigogine, Paul Virilio teilweise mit Rückgriffen auf frühere Konzepte) und einige auf temporale Erzählstrukturen orientierte narratologische Konzepte (Gérard Genette, Paul Ricur, Viktor Sklovskij) gelesen und im Zusammenhang mit narrativen Texten diskutiert werden sollen.
Zeit als wirkungsmächtiger Faktor von Erzählen und Erzähltexten ist Gegenstand dieses Hauptseminars. Themen sind u.a. die Zeitlosigkeit von Kurzprosa, Fragen der (Erzähl-) Geschwindigkeiten oder der Re- und Irreversibilität von erzählten Vorgängen.
Teilnahmebedingungen: Mündliches Referat mit Paper, schriftliche Hausarbeit.