16401 Vorlesung
Über Linien
Bilder und Formvorstellungen nehmen unser Denken ebenso gefangen wie sie es befördern. Eine der suggestivsten Formen ist die Kurvenlinie in ihren verschiedenen Abwandlungen von der Wellen- oder Schlangenlinie über die zwei- oder dreidimensionale Spirale bis zu verschlungenen Ornament- und Schriftarten.
Die Vorlesung möchte Facetten einer Faszinationsgeschichte dieser Formen zeigen, z.B.: Bei Leonardo sind Kunst und Wissenschaft noch nicht getrennt; seine Schriften und Studien zur Bewegung in der Natur, z.B. des Wassers, bringen daher die verschiedensten Phänomene in gleichsam ornamentale Beziehungen. Darauf greift im 20. Jahrhundert Valéry zurück und entwirft in Essays über Leonardo ein Bild seines eigenen Denkens.
In Spätrenaissance und Manierismus gehen die Überlegungen zur Linie und zur figura serpentinata weit über das im engeren Sinn Künstlerische hinaus. Das 18. Jahrhundert beerbt und transformiert diese Tradition. Von Hogarths Analysis of Beauty über die Theorien des Klassizismus bis zur Kunstreflexion der Romantik, in der die Arabeske triumphiert, sind die S-Linie und ihre Varianten Gegenstand größter Aufmerksamkeit und erfahren mehrfache Umwertungen.
Im Zeichen von Romantik und Moderne ist die Spirale nicht mehr nur Inbild des Lebens, sondern figuriert immer wieder tödliche Bedrohung und Katastrophisches (s. Maelstrom). Als verknäuelte gestalten und veranschaulichen die gewundenen Linien verdichtete Komplexität, als Wirbel chaotisch-produktive Fusion und Ballung von Kräften (s. vorticism).
Konnten im Zuge der Autonomisierung der Kunst Linienführung und Ornamentalität zentral für den Kunstbegriff werden, so machen kunst- und literaturnahe Theorien des 20. Jahrhunderts die Schlangenlinie zur Signatur eines metaphysikkritischen Denkens. Dieses findet sein Bild vielfach in der Falte, und als deren Grundform gilt Klees liegende S-Kurve...