16426 Proseminar
Literatur und Marxismus
Marxistisches Denken und die Produktion sowie Interpretation von Literatur haben eine wechselvolle, aber intensive Geschichte, in der auch nach der weltpolitischen Entsorgung der marxistisch-leninistischen Weltanschauung als Staatsdoktrin noch nicht das allerletzte Wort gesagt ist. Die gesellschaftliche Relevanz und das kritische Veränderungspotential von Literatur sowie Grenzen und Möglichkeiten ihrer Kritik von Herrschaft bleiben Themen, die den einen oder die andere nach wie vor beschäftigen. Dazu können die vielfältigen und aus sehr unterschiedlichen politischen Ecken kommenden marxistischen Ansätze immer noch einiges beisteuern. Totgesagte leben eben länger.
Nicht nur in der Literaturwissenschaft war der Marxismus über lange Zeit hüben wie drüben eine dominante Methode der Kritik und Erkenntnisfindung. Auch jüngere kulturphilosophische Strömungen, wie Strukturalismus und Poststrukturalismus, haben sich erkennbar an der marxistischen Tradition abgearbeitet. Über den Umweg der Arbeiterbewegung, des Staatssozialismus und der Neuen Linken hat marxistisches Denken außerdem auf die ästhetische Programmatik der literarischen Produktion der letzten 150 Jahre in jeweils sehr unterschiedlicher Ausprägung Einfluß genommen.
Das Seminar nimmt sich deshalb dreierlei vor: zunächst liefert es eine Einführung in Grundlagen marxistischen Denkens und legt einen Schwerpunkt auf dessen Verständnis von Kunst und Literatur. Anschließend stellt es die Geschichte des Verhältnisses von Marxismus und Literatur dar. Dabei werden in Auszügen unterschiedliche Ansätze marxistischer Literaturinterpretation (z.B. Gramsci, Lukács, Adorno, Althusser, Jameson) und -produktion (z.B. Literatur der Arbeitswelt in der BRD und Bitterfelder Weg in der DDR) vorgestellt.
Schließlich sollen anhand einzelner Musterinterpretationen von literarischen Werken die Möglichkeiten und Grenzen marxistischer Literaturkritik ausgetestet werden. Dabei stellt sich die Frage, welcher notwendigen Kritik sich marxistisches Denken heute stellen muß, um zum kritischen Verständnis von Literatur und Gesellschaft beitragen zu können.