16457 Hauptseminar
Poetik der Armut
Geistige Armut macht laut der Bibel selig. Materielle Armut verheißt dem Gläubigen Erlösung von irdischen Zwängen, präsentiert sich jedoch, wenn nicht frei gewählt, meist als eine recht unselige Wirklichkeit. Wie verhält sich Literatur zu jenen Verheißungen und dieser Wirklichkeit? Und wie soll sich eine literaturwissenschaftliche Annäherung an das Thema der Armut verhalten? Diese Frage wird das Seminar begleiten, dessen Schwerpunkt indes ein poetologischer ist.
Armut hat in der Literatur des 19. Jahrhunderts Konjunktur. Sie erscheint jedoch, zumal in der Lyrik jener Zeit, nicht nur als ein Epochenphänomen, in dessen Thematisierung die Dichtung ihre Begegnung mit dem Jahrhundert markiert. Welche philosophischen und religiösen Traditionen konjugiert diese Figur vor dem Hintergrund der materiellen Armut?
Der Mythos von der Armut als Mutter des Eros in Platons Symposion sowie die Armutsauffassungen im Alten und im Neuen Testament und die Franz von Assisis werden zu Beginn des Seminars thematisiert. Dann werden wir untersuchen, in welchen Formen, unter welchen Vorzeichen und Wertungen die Armut in literarischen Texten des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts verhandelt wird und welche ästhetischen und poetologischen Funktionen ihr zugewiesen werden. Dazu sind Texte unter anderem von Heine, Baudelaire, Rimbaud, Maeterlinck, Rilke, sowie Benjamin, Heidegger und Blumenberg für die Lektüre vorgesehen.
Zur Vorbereitung der ersten Sitzungen:
- Platon: Symposion, 203b ff.
- Psalmen, Matthäus-Evangelium (Bergpredigt).
- Artikel Armut, in: Die Religion in Geschichte und Gegenwart, Band 1.