16461 Hauptseminar
Balzac: Das unbekannte Meisterwerk und seine Folgen in Kunst und Kunsttheorie
Balzacs Erzählung Le chef-duvre inconnu (1831 / 1837) hat Künstler zur Identifikation mit dem Protagonisten herausgefordert (z.B. Cézanne) und zu Werken angeregt (z.B. Illustrationen von Picasso, Film La Belle Noiseuse / Die schöne Nörglerin von J. Rivette). Nicht nur Literaturwissenschaftler, sondern auch Philosophen und theoretisch interessierte Kunsthistoriker haben ihr weitreichende Interpretationen gewidmet. Sie ist ein Schlüsseltext zum Bild des Künstlers und zur Werkidee der modernen Kunst, wie sie sich im 19. Jahrhundert entwickelt. Denn das unbekannte Meisterwerk ist das unsichtbare, verschwindende, unvollendbare, unmögliche Werk, und das künstlerische Tun mit Scheitern und Tod verbunden.
Balzacs philosophische Erzählung bildet Ausgangspunkt und Fokus für das Seminar, das sich mit verschiedenen Aspekten des Verhältnisses von Literatur und bildender Kunst, Kunstgeschichte und -theorie befaßt. Themen sind z.B. die Stilisierung des Künstlers in Legenden und Viten, den Vorformen von modernen Künstlerbiographien und Künstlerromanen, Fragen der Intermedialität (nicht nur gibt es Illustrationen, die sich vom Text emanzipieren, sondern in Künstlererzählungen porträtieren sich in der Regel auch die Schriftsteller selbst), die Verabsolutierung der Kunst und die Mythisierung einzelner Werke (etwa im Zusammenhang mit der Museumsgeschichte), Veränderungen des Werkbegriffs im 19. und seine Folgen für das 20. Jahrhundert u.a.
Hinweis: Die deutsche Übersetzung und Ausgabe des Textes von Goeppert / Goeppert-Frank (Frankfurt am Main (Insel) 1987) enthält Picassos Illustrationen.