16462 Hauptseminar
Barock / Neobarock
Als die Kritik C. E. Gadda vorwarf, sein Schreiben sei barock, rechtfertigte er sich damit, daß die Welt selbst barock sei und er nur ihre Barockheit erkannt und dargestellt habe. Nicht nur sein Werk wurde und wird jedoch als barock qualifiziert, und seine Begründung ist nur eine von vielen, die Autoren, Kritiker, Philosophen u.a. im 20. Jahrhundert für die Aktualität des Barock gefunden haben. In der Diskussion um diesen Begriff wird nicht nur um Verständnis und Bewertung eines historischen Phänomens und einer vergangenen Epoche gerungen, sondern es werden Fragen jeweils zeitgenössischer künstlerischer Artikulationen aufgeworfen und mit ihnen solche der Philosophie, Epistemologie, Politik u.s.w.
Barockversionen und Barockvisionen sind auch Entwürfe der Moderne bzw. Postmoderne. Namentlich für die lateinamerikanische Kultur ist das Prädikat barock oder neobarock von großer Bedeutung und transportiert alle Probleme des Selbstverständnisses in der Bindung an und der Absetzung von Europa.
Das Seminar behandelt wichtige Positionen aus Kunstgeschichte und Philosophie zu den Begriffen Barock und Neobarock (Wölfflin, Benjamin, DOrs, Deleuze, Calabrese u.a.) und Beispiele für barocke Poetiken im 20. Jahrhundert aus verschiedenen Sprachen. Zur Auswahl stehen - je nach Interesse des Seminars - Borges, Carpentier, Sarduy, Lezama Lima, Gadda, Eco, H. Fichte, A. V. Thelen, E. Glissant, Buñuel, Greenaway u.a.