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16427 Proseminar
Gegebene Worte. Schwur, Meineid und Versprechen in literarischen Texten
Gelten Eide noch? fragt Euripides Medea und benennt damit eine zentrale Thematik des Dramas, das Auftakt des Seminars sein wird. An der Frage nach der Gültigkeit des Eides und/oder des gegebenen Wortes kristallisiert sich auch in den anderen Texten, die im Seminar zur Sprache kommen werden, der Konflikt zweier Rechts- oder Wertsysteme. Das Ritual des sprachlichen Engagements bzw. die aus ihm hervorgegangene Verpflichtung ist dabei oft genau am Angelpunkt zwischen privatem und gesellschaftlichem Raum situiert und gibt Anlaß zur Verhandlung der Grenze zwischen beiden.
Ursprünglich hatte der Eid eine religiöse Bedeutung und war mit der Anrufung Gottes verbunden, bis er im Zuge der Säkularisierung des Rechts diese zunehmend verlor. Auf welche Weisen tradiert Literatur das Gedächtnis jener religiösen Dimension? Im Ritual des Versprechens, als Verpflichtung auf die Zukunft und/oder die Wahrheit, wird Sprache Handlung und konfrontiert das Medium der Schrift mit einem Element von Mündlichkeit ganz eigener Art, das den Charakter des Sakralen trägt. Am gegebenen oder zu gebenden Wort, als juristisch-vertragliche oder als nicht-vertragliche Verpflichtung, entfaltet sich dabei in den zur Lektüre vorgesehenen Texten eine Reflexion, die stets auch eine Lektüre der Geschlechterdifferenz impliziert. Diese soll im Seminar mit in Betracht gezogen werden.
Markiert Literatur, die es genuin mit dem Geben von Worten zu tun hat, an den Figuren von Eid, Schwur, Versprechen und Meineid einerseits die Wertumbrüche einer Epoche, den Konflikt zwischen Geltungsansprüchen verschiedener Systeme, verhandelt sie zugleich den Wahrheitsanspruch dessen, was von keinem vertraglichen Engagement erfaßt wird und dennoch Gültigkeit reklamiert.
Zu Beginn wird mit den Teilnehmenden eine Auswahl aus den folgenden Primärtexten getroffen werden:
- Euripides: Medea,
- Shakespeare: Troilus and Cressida,
- Molière: Dom Juan,
- G. E. Lessing: Emilia Galotti,
- H. v. Kleist: Die Familie Schroffenstein,
- A. v. Droste-Hülshoff: Die Judenbuche,
- H. Cixous: La Ville Parjure ou le Réveil des Érinyes.
Des weiteren ist ein Ausflug in die Sprechakttheorie ebenso vorgesehen wie die Lektüre philosophischer Texte zum Eid.
Zur Einführung: Artikel Eid im Historischen Wörterbuch der Philosophie.
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