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16461 Hauptseminar

Robert Stockhammer

Literatur und Grammatik


„Die Grammatik, die man ins Lateinische als litteratura übertragen hat“ (Quintilian): Das Thema des Seminars ist eine Tautologie, da der Gegenstand der Grammatik selbstverständlich schon etymologisch derselbe ist wie derjenige der Literaturwissenschaft, nämlich die Kunst, mit Buchstaben umzugehen. Dieser Zusammenhang ist jedoch so verschüttet, daß selbst die Redaktion eines einschlägigen Wörterbuchs der Ästhetischen Grundbegriffe, die ihren Gegenstandsbereich ansonsten sehr weit auslegt, die Grammatik mit dem Argument ausschließt, an ihr sei nichts Ästhetisches.

Unterschlagen wird damit die Rolle der Grammatik für die Stiftung von Sprechordnungen, darunter nicht zuletzt die des poetischen Sprechens. Quintilian etwa, der erste, der die Grammatik von der Rhetorik säuberlich zu trennen versucht, überläßt ihr doch die Dichtererklärung und handelt sich damit einige Probleme ein (die in den ersten Sitzungen des Seminars zu erörtern sein werden). Noch im 13. Jahrhundert wird die Poesie gelegentlich der Grammatik zugeordnet, und in der Folgezeit begleitet die Grammatik die Rhetorik, Poetik und Ästhetik als deren schlecht Verdrängtes.

Die Literaturtheoretiker – z.B. die Frühromantiker oder Roman Jakobson – arbeiten an diesem Verdrängten gelegentlich; die Dichter tun es immer, besonders deutlich z.B. Milton, Klopstock oder Ken Saro-Wiwa: „Before before, the grammar was not plenty and everybody was happy. But now grammar begin to plenty and people were not happy. As grammar plenty, na so trouble plenty. And as trouble plenty, na so plenty people were dying.“

Zur Einführung:

  • Quintilian: Institutio oratoria. Buch I und IX.
  • Artikel „Grammatik“.
    in: Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Herausgegeben von Gert Ueding. Band III. Darmstadt 1996, Sp. 1030-1112.
  • Friedrich Schlegel und Novalis: verschiedene Fragmentesammlungen unter Benutzung der Indizes zum Stichwort „Grammatik“.
  • Roman Jakobson: „Poesie der Grammatik und Grammatik der Poesie“.
    in: Roman Jakobson: Poetik. Frankfurt am Main 1979, S. 233-263.
  • Ken Saro-Wiwa: Sozaboy. A novel in rotten English. 1985 u.ö.

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