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52774 Vorlesung

Georg Witte

Konstruktivismus. Eine Grenze der Kunst


„Die Lotleine in der Hand, mit Augen, so genau wie ein Lineal, in einem Geiste, so gespannt wie ein Zirkel ... konstruieren wir unser Werk wie das Universum das seine, wie der Ingenieur seine Brücken, wie der Mathematiker seine Formel der Planetenbahnen.“ (N. Gabo und N. Pevsner 1920)

An der Wende zu den 20er Jahren entsteht die internationale Bewegung des Konstruktivismus. Bestimmend für die Kunstprogramme der Zeit wird die Verbindung eines radikalen Funktionalismus (mit der Tendenz zur Aufhebung der Kunst als eigener kultureller Institution) und eines Absolutismus des künstlerisch-technischen Artefakts, eine Verbindung, die ihre eigenen Spannungen und Unverträglichkeiten in sich birgt.

Die Vorlesung möchte am Beispiel der favorisierten Medien und Kunstformen des Konstruktivismus – Film, Fotographie, Architektur, Typographie (Buchgestaltung und Plakatkunst), Literatur, Design – die Frage nach einer spezifischen Ästhetik des Konstruktivismus stellen. Dabei werden auch deren anthropologische Implikationen („Prothesenmensch“, ergonomische und psychotechnische Konditionierungen, Wahrnehmungstechniken) und die Rückbindungen an ein technisches Imaginäres der Zeit (Maschine und Apparatur) zu berücksichtigen sein.

Vorläufige Aspekte einer solchen Ästhetik sind:

  1. Fabrizismus/Industrialismus, technizistisch erneuerte Idee des Bauens („Der Künstler ist eine Steigerung des Handwerkers.“, W. Gropius),
  2. Antisubjektivismus/Operationalismus („Der Künstler ist nur ein Exponent der Kräfte, die die Elemente der Welt zur Gestalt bringen.“, R. Hausmann, H. Arp, I. Puni und L. Moholy-Nagy),
  3. heteronomer Funktionalismus (Utilitarismus, Produktionskunst),
  4. autonomer Funktionalismus, tektonische und konstruktionale Alleinbedingtheit von Form und Material („Konstruktion ist die angemessene Organisation materieller Elemente. Die charakteristischen Bestandteile der Konstruktion sind folgende, 1. Die optimale Verwendung der Materialien, 2. Fehlen überflüssiger Elemente.“, L. Popova),
  5. formaler und materialer Reduktionismus (Entleerung, „Reinigung“, hygienische Rhetorik der Manifeste, Haß auf das Dekorative),
  6. Dynamismus/Kinetik/Beschleunigung.

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