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52778 Hauptseminar

Georg Witte und Brigitte Obermayr

Zwischen Ende und Vollendung. Zur Finalität literarischer Texte


„Ein Ganzes ist, was Anfang, Mitte und Ende hat. [...] Ein Anfang ist, was selbst nicht mit Notwendigkeit auf etwas anderes folgt. [...] Ein Ende ist umgekehrt, was selbst natürlicherweise auf etwas folgt, und zwar notwendigerweise oder in der Regel, während nach ihm nichts anderes mehr eintritt“, so Aristoteles in seiner Poetik.

Jede ‚Geschichte‘ hat ein Ende. Und jedes Ende hat (mindestens) eine ‚Geschichte‘: Vielleicht könnte man mit dem zweideutigen Wort Ausgang beginnen: Texte nehmen und haben einen Ausgang, vielleicht ist deshalb in vielen Texten davon die Rede, erst gar nicht begonnen werden zu wollen. Was hier noch das Narrativ, das Erzählte, das Geschehene und das Dargestellte zu fokussieren scheint, wird in unserem Hauptseminar durch das Prisma der Hypothese betrachtet werden, wonach zu differenzierende Optionen und Versionen von und vom Enden literarische Texte maßgebend strukturieren.

Das scheinbar einfache Faktum, daß Texte zu Ende sind, wo sie aufhören, wo nach dem Schlußpunkt, auch des ‚open ends‘, das Weiß der leeren Seite folgt, wird uns beschäftigen. Wissen wir wirklich so genau, wo und wann ein Text aufhört? Es ist ein antimimetischer Gestus des Literarischen, eine Ganzheit zu verneinen: Dies ist der Fall, wenn ein Text sein Ende negiert – paradoxerweise –, denn das Ende ist unausweichlich. Und noch paradoxer: Die Literaturwissenschaft betreibt eine Art negativer Teleologie: Sie erforscht das Ende und somit auch das Nach-dem-Ende.

Vorbereitende Literatur:

  • Rainer Grübel: „Vollendung ohne Ende? Genuine Ambivalenz der Teleologie oder: Wider tyrannische Perfektion“.
    in: Poetica. Band 27, Heft 1/2 (1995), S. 58-100.
  • Aage A. Hansen-Löve: „Diskursapokalypsen: Endtexte und Textenden. Russische Beispiele“.
    in: Karlheinz Stierle und Rainer Warning (Hg.): Ende. Figuren einer Denkform. München 1996, S. 183-244.

Teilnahmebedingungen: Zwischenprüfung, regelmäßige, aktive Anwesenheit, Essays, Thesenpapiere, Kurzreferate, schriftliche Hausarbeit.


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