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52779 Hauptseminar
Die Romane S. Sokolovs
In den späten siebziger und den achtziger Jahren kam es zur Entstehung einer nicht mehr vom heteronomen Wahrheitspostulat politischer und ideeller Dissidenz, sondern von ihrer ästhetisch-autonomen Funktion geprägten Samizdatprosa. Diese Prosa knüpfte an die Formexperimente der Moderne an. Man entdeckte von neuem, nach dem verheerenden Einbruch des trivialmimetischen Kanons namens sozialistischer Realismus, die Traditionen der ornamentalen Prosa der zwanziger Jahre, also einer stärker durch poetische Formprinzipien als durch lineare Geschichtsverläufe und realistische Abbildlichkeit geprägten Schreibweise.
Man besann sich auf Erzähltechniken des Bewußtseinsstroms und der Stimmenpolyphonie. Von neuem interessant wurden Kompositionsverfahren der Montage und der Komposition aus Stücken (kuskovaja kompozicija). Absurde und surreale Atmosphären erfuhren ihre Renaissance.
Sokolovs Romane gehören zu den künstlerisch bedeutendsten Beispielen dieser Literatur. Der Anschluß an die Prosatechniken der Moderne und Avantgarde geschah freilich nicht bruchlos. Auch die neue russische Literatur war beeinflußt vom internationalen Zeitgeist der Postmoderne. Und wieder ist es in besonders exponierter Weise Saša Sokolov, der mit seinen Romanen Die Schule der Dummen (Škola dlja durakov, 1976), Zwischen Hund und Wolf (Meždu sobakoj i volkom, 1980) und Palisandrija (1985) diese postmoderne Wende in der russischen Prosa anzeigt.
Am Beispiel der genannten drei Romane soll untersucht werden, wie
- ein emphatisches und mythopoetisches Verständnis des literarischen Worts (Sehnsucht nach einer ursprachlichen Einheit von Ding und Zeichen) durchgetestet und relativiert wird,
- intertextuelle Schreibstrategien sich aus einem Dualismus von Gedächtniskultur und utopistischem Innovationismus befreien,
- sich die metafiktionalen Strategien gegenüber der Avantgarde funktional verändern im Sinne einer Verschiebung vom Prinzip der Entblößung zum Prinzip der Verstellung.
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