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16477 Hauptseminar

Volker Woltersdorff

Liebesmacht: Sadomasochismus und Literatur


Wenngleich die in diesem Seminar behandelte Literatur zum Teil etwas härter gesottene erotische Fantasien einschließt, so erfordert doch die Teilnahme keine emotionale Abgebrühtheit als vielmehr die grundsätzliche Bereitschaft, sich davon provozieren zu lassen.

Diskutiert werden sollen die Funktionsweise und ästhetische Darstellung der paradoxen sadomasochistischen Lust, die sich an den Widersprüchen von Subjekt, Geschlecht, Körper und Herrschaft entzündet und zugleich daran abarbeitet. Eine Perspektive sollte dabei die Frage nach den Stategien sein, die in der Literatur entwickelt werden können, um in geschlechtliche und andere Herrschaftsverhältnisse kritisch und lustvoll zu intervenieren.

Ebenfalls Gehör finden sollen auch Sadomasochismus-kritische Diskussionen, etwa innerhalb des Feminismus, und Auseinandersetzungen um die Verantwortung von Literatur bzw. literarischer Pornografie. Fast möchte man meinen, der Sadomasochismus sei eine Erfindung der Literatur, denn als er Sexualwissenschaftler Freiherr von Krafft-Ebing den Begriff 1890 erfand, benannte er das Phänomen nach zwei literarischen Autoren. So fand er auch überwiegend in der Literatur Zeugnisse für jene Lust am Schmerz, an der Macht und der Unterwerfung, etwa in den „Confessions“ von Rousseau.

Es scheint also eine starke Affinität sadomasochistischer Vorstellungen zur Literatur zu geben. Die europäische Liebeslyrik des Mittelalters ist bevölkert von Liebesklaven und ihren Herrinnen. Märtyrergeschichten und Dantes Fegefeuer sind voll von der lustvollen Affirmation des Schmerzes.

Das Seminar möchte aber nicht in erster Linie den sadomasochistischen Subtext der Literaturgeschichte offen legen, was angesichts der Historizität von Sexualität ohnehin fragwürdig wäre, sondern bei den namensgebenden Klassikern de Sade und Sacher-Masoch beginnen, um sich dann besonders der Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jhdts. zuzuwenden, das die Herausbildung einer modernen sadomasochistischen Subkultur erlebt hat, die sich auch in den literarischen Fiktionen des Themas niedergeschlagen hat.

Neben den unten genannten Romanen und Erzählungen, deren Lektüre im Verlauf des Seminars vorausgesetzt wird, soll am Rande auch Lyrik und Dramatik (Genet, Pasolini) behandelt werden. Neben überwiegend heterosexuellen Konstellationen enthält das Seminarmaterial auch lesbische und schwule Szenarien.

Primärliteratur:

  • Kathy Acker: Great Expectations (dt. „Große Erwartungen“).
  • Dennis Cooper: Frisk, New York 1991 (dt. „Sprung“).
  • Elfriede Jelinek: Die Klavierspielerin, Reinbek 1983.
  • Michael Kleeberg: Barfuß, Köln 1995.
  • Pauline Réage: Histoire d'O, Paris 1954 (dt. „Die Geschichte der O“).
  • Leopold von Sacher-Masoch: Venus im Pelz, Stuttgart 1869.
  • D. A. F. de Sade: Les 120 journées de Sodome ou l'école du libertinage, 1785, veröffentlicht 1905 (dt. „Die 120 Tage von Sodom oder Die Schule der Ausschweifung“) in Auszügen!
Sekundärliteratur:
  • Roland Barthes: „Sade I“ und „Sade II“ in: Sade - Fourier - Loyola, Paris 1971 (dt. Ausgabe unter gleichem Titel).
  • Jessica Benjamin: The Bonds of Love. Psychoanalysis, Feminism and the Problem of Domination, New York 1988 (dt. „Die Fesseln der Liebe“).
  • Gilles Deleuze: Présentation de Sacher-Masoch, le froid et le cruel, Paris 1967 (dt. „Sacher-Masoch und der Masochismus“ als Nachwort zur Insel-Ausgabe von Venus im Pelz).
  • Michael Gratzke: Liebesschmerz und Textlust. Figuren des Masochismus in der Literatur, Würzburg 2000.
  • Susan Sontag: „The Pornographic Imagination“ in: Against Interpretation, New York 1963 (dt. „Die pornographische Phantasie“ in: Kunst und Antikunst).
  • Peter Weibel: Phantom der Lust. Visionen des Masochismus, 2 Bde., München 2003.


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