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16436 Vorlesung
Georg Witte
Fiktionsskepsis
Mo 12.00-14.00
Rost- / Silberlaube Habelschwerdter Allee 45, JK 27/106
Beginn: 24. April 2006
In der russischen Avantgarde der ersten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts kommt es zu vielfältigen Formen eines Zweifels an der ästhetischen und sozialen Relevanz von Fiktion: als Kritik an fabel-orientierten Handlungsstrukturen ("sujetlose Prosa", "ornamentale Prosa"), als "faktographisches" Konzept eines radikalen Dokumentarismus, als Fundamentalkritik am Genre des Romans (und an "Belletristik" überhaupt), als Verdacht gegen alles, was die Eigenschaften narrativer oder szenischer Repräsentation hat. Die Vorlesung versucht einen Einstieg in die historische Rekonstruktion dieses Diskurses. Eine seiner Prämissen ist dabei in einem prinzipiellen Antimimetismus der Avantgarde anzusetzen, der zwei, durchaus widersprüchliche, Implikationen hat: a) einen radikalen Formalismus, der jegliche Nachahmung (Handlungsnachahmung) in ihrer Bedingtheit/Gemachtheit entblößt, b) einen radikalen Verismus, der die Grenze zwischen der Wirklichkeit und deren nur "realistischer" Repräsentation überhaupt durchbrechen will. Beide Positionen bestreiten zwei entscheidende Aspekte des Fiktionalen: die erste (a) negiert die Wahrscheinlichkeitsbedingung der Fiktion, die schon im aristotelischen Konzept der Handlungsmimesis begründet wurde, die zweite (b) negiert eine Wahrheitspotenz der Fiktion, wie sie unterschiedlichen Vorstellungen einer Welthaltigkeit oder Weltmodellierung durch Fiktionen zugrunde liegt. Die Vorlesung wird sich, in ihrem historischen Anspruch, beschäftigen mit Prosawerken und Programmtexten von Vasilij Rozanov, Viktor Šklovskij, Isaak Babel', Osip Mandel'štam, Boris Pilnjak, Boris Pasternak, Nikolaj Čužak, Sergej Tret'jakov, Daniil Charms, Leonid Lipavskij, Leonid Dobyčin und anderen. Zugleich soll versucht werden, gleichsam im 'Fegefeuer' einer avancierten Kritik der Fiktion, unter Rückgriff auf neuere poetologische und anthropologische Ansätze eine Begründung des Fiktionalen als ästhetischen Erfahrungsmodus theoretisch zu erhärten.
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