|
(Modul AVL 212d) 16466 GK
Dokumentarismus
Mo 16.00-18.00 Uhr
Rost- / Silberlaube Habelschwerdter Allee 45, L 202
Beginn: 24. April 2006
Gegenstand des Seminars ist der Dokumentarismus als ästhetisches Verfahren, das die Kunst auf die Probe der Authentizität stellt. Ein Schwerpunkt soll dabei auf der Beschäftigung mit dem spätavantgardistischen Konzept der Faktografie liegen. Anhand der vor allem von Viktor Šklovskij und Sergej Tret’jakov geführten Diskussion um eine „Literatur des Fakts“ (literatura fakta) gilt es, deren poetische und politische Implikationen auszumessen, die in der Doppeldeutigkeit des Begriffs anklingen. Im Kontext einer formalistischen Theorie ist Faktografie ein dezidiert ästhetisches Verfahren, das den Kanon der künstlerischen Genre um die Gegenstände des Alltags erneuert und die Mechanismen der Wahrnehmung neu definiert. Andererseits meint Faktografie aber auch den Anspruch, aus der Sphäre der Kunst auszutreten, um dem „Leben“ näher zu sein und politisch wirken zu können.
Die Analyse spezifisch faktografischer Verfahren wie die Auflösung des Sujets und die Montage soll Grundlage einer Untersuchung unterschiedlicher dokumentarischer Strömungen im 20. Jahrhundert sein, die das Verhältnis von Fiktionalität und Authentizität auf unterschiedliche Weise ausbalancieren. Dabei werden neben der Literatur auch andere künstlerische Ausdrucksformen des Dokumentarischen zum Gegenstand, nicht zuletzt deshalb, weil die Literatur ihr faktografisches Potential immer auch an den Darstellungsmöglichkeiten anderer Medien schult. Authentifizierung und Fiktionalisierung können so als intermedialer Wirkungszusammenhang untersucht werden.
Die politische Tragweite dieser Ästhetik lässt sich in dem Begriff des „Ereignisses“ (Hayden White) bündeln, dessen Ort im Zusammenspiel von fact und fiction zu bestimmen ist. Das Interesse am Ereignis ist demnach ästhetisches und politisches zugleich, und in dieser Differenz bzw. dieser Doppelung wiederum liegt das besondere Potential dokumentarischer Strategien.
Gelesen werden u.a.:
Viktor Šklovskij: Sentimental’noe putešestvie (Sentimentale Reise), Tret’ja fabrika (Die dritte Fabrik); Sergej Tret’jakov: Mesjac v derevne (Ein Monat auf dem Dorfe), Ljudi odnogo kostra (Menschen des gleichen Scheiterhaufens); Jurij Tynjanov: Puškin, u.a.
Zur Einführung empfohlen:
- Martin Schneider: Die operative Skizze Sergej Tretjakovs. Futurismus und Faktographie in der Zeit des 1. Fünfjahrplans, Bochum 1983
- Jurij Tynjanov: Literaturnyj fakt. Das literarische Faktum, in: Striedter, Jurij (Hg.): Texte der russischen Formalisten. Bd.1., München 1969, S. 392-431.
- Nikolaj F. Čužak: Literatura fakta. Pervyj sbornik materialov rabotnikov LEFa, Moskau 2000
|