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(31 709) Hauptseminar

Julia Kursell

Theorie und Praxis der Deklamation in der Avantgarde

Mo 18.00-20.00 Uhr
Garystr. 55, 121 (Seminarraum)

Beginn: 24. April 2006

 

Die Deklamation ist eine in Vergessenheit geratene Kunst. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gibt es – auch in Russland – noch Deklamationsschulen, Lehrwerke, die ihren Lesern den richtigen Vortrag auf der Bühne oder wo immer beibringen wollen. Schon die Praxis der symbolistischen Lyrik setzt sich von einer solchen Deklamationsweise ab: das imaginierte Sprechen sei der Artikulation vorzuziehen. Hiervon handeln die Gedichte und hiervon zeugt auch die Deklamationspraxis der Symbolisten. Die Künstler der Avantgarde hingegen brüllen, singen oder schweigen, allerdings nicht geheimnisvoll, sondern eher verstockt: Vasilisk Gnedov provoziert einen Skandal, als er schweigend einen Text vorträgt, auf dessen Seiten nichts steht; Velimir Chlebikov soll, wenn er überhaupt laut vorlas, nach ein paar Zeilen mit einem „und so weiter“ abgebrochen haben . . .Die melodramatische Deklamation, die Auftritte der Avantgarde-Poeten oder der Kult um die lesenden Dichter werden Thema des Seminars sein. Im Mittelpunkt der theoretischen Diskussion wird die Arbeit von Sergej Bernštejn stehen, die nicht nur eine Theorie des gesprochenen Kunstwerks bietet, sondern auch Daten zur Leseweise von Dichtern in den 1920er Jahren sammelt. Die Lektüre von Bernštejns Arbeiten wird nicht zuletzt die Verbindung zu den psychologischen und hörphysiologischen Debatten über die Deklamation in Europa herstellen, die einen weiteren Schwerpunkt des Seminars bilden sollen. Russischkenntnisse sind willkommen.

Gelesen werden: Sergej Bernštejn: „Ästhetische Voraussetzungen der Deklamationstheorie“, Texte der russischen Formalisten II, hg. v. Wolf Dieter Stempel, München 1972, 339-386; „Zvučaščaja chudožestvennaja reč’ i ee izučenie“ (Poėtika I, L. 1926, S.41-53); Sergej Volkonskij: Vyrazitel’noe slovo (1913); Božidar (Bogdan Gordeev): Raspevočnoe edinstvo, M. 1916; Boris Ėjchenbaum: Melodika sticha (1921), Viktor Žirmunskij: Melodika sticha (1928) u.a. (Schwer zugängliche Texte werden im Handapparat zur Verfügung gestellt.) Literaturauswahl: Peter Brang: Das klingende Wort. Zu Theorie und Geschichte der Deklamationskunst in Rußland (Wien 1988): Karl-Heinz Göttert: Geschichte der Stimme, München 1998; Reinhart Meyer-Kalkus: Stimme und Sprechkünste im 20. Jahrhundert, Berlin 2001; Zwischen Rauschen und Offenbarung. Zur Kulturgeschichte der Stimme, hg. v. Friedrich Kittler, Thomas Macho u. Sigrid Weigel, Berlin 2002; Phonorama. Eine Kulturgeschichte der Stimme als Medium. Aust.-Kat. Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe, hg. v. Brigitte Felderer, Berlin 2004.



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