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(Modul AVL 311b) 16421 HS
Jurij Tynjanov - Ästhetik des Intervalls
Di 16.00-18.00 Uhr Rost- / Silberlaube Habelschwerdter Allee 45, JK 28/130
Beginn: 17. Oktober 2006
MATERIAL
Jurij Tynjanov ist einer der bedeutendsten Literaturtheoretiker des russischen Formalismus. Seine Schriften v.a. aus den 1920er Jahren zur Theorie der literarischen Evolution, zur Struktur der Verssprache, zur Poetik des Films u.a. sind bis zum heutigen Tag hochaktuell. Ästhetische Konzepte der Differenz, der Leere, der Deformation, der Montage, des Schnitts, des Intervalls etc. sind ganz wesentlich von den russischen Formalisten mitgeprägt worden.
Tynjanov repräsentiert zudem in der Verbindung von wissenschaftlichem, literaturkritischem und belletristischem Oeuvre ein 'operatives' Konzept von Theoriebildung. Seine historischen und biographischen Romane, wie "Die Wachsperson" (über die Zeit Peters des Großen), "Puškin", "Kjuchla" (über den Dichter Wilhelm Küchelbecker, einen Aktiven des "dekabristischen" Aufstands 1812), "Der Tod des Wesir Muchtar" (über den Dramatiker Aleksandr Griboedov, wie Küchelbecker ein Zeitgenosse Aleksandr Puškins), sind in ihrer Verbindung von Rekonstruktion und historischer Imagination so etwas wie eine fiktionale Archäologie russischer Kultur- und Literaturgeschichte. Zugleich sind sie selbst Experimente einer avantgardistischen Erzählprosa, die Verfahren der Montage-Ästhetik verwendet, dokumentaristische Gattungen (wie die Biographie) aktualisiert und sich selbst in ihren eigenen Methoden 'metafiktional' reflektiert.
Das Seminar will die Doppelbewegung zwischen Fiktion und Theorie sowie deren wechselseitige Ansteckung untersuchen. Die wesentlichen Schriften Tynjanovs liegen in deutscher Übersetzung vor, diese werden die Grundlage der Seminararbeit bilden. Teilnehmer mit Russischkenntnissen (sehr erwünscht!) sollten mit den Originalfassungen arbeiten.
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