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  (17044) PS

Philipp Jeserich

Dekadenz

Mi 10.00-12.00 Uhr
Rost- / Silberlaube Habelschwerdter Allee 45, KL 29/135

Beginn: 25. Oktober 2006 (Änderung!)

 

Jene Bezeichnung décadence, die Baudelaire noch als Oberbegriff für die ästhetischen Neuerungen seiner Zeit zu verteidigen hatte, entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem der spannungsreichsten Begriffe der Reflexion und Selbstreflexion der Künste. Er spiegelt die Janusköpfigkeit des 19. Jahrhunderts – Fortschrittseuphorie, positivistischer Wissenschaftsenthusiasmus und politisch-soziales Engagement einerseits, Niedergangsempfinden und Pessimismus, Eskapismus und Weltverachtung, névrose und Ästhetizismus des l‘art pour l‘art andererseits – ebenso wie das für die Zeit charakteristische Nebeneinander von ostentativem Spätzeitbewußtsein und der Entwicklung avancierter literarischer Techniken, die teils auf die Avantgarden des 20. Jahrhunderts vorausweisen. Widersprüchlich wie ihre Rahmenbedingungen ist die Bildwelt der Dekadenz, die sich aus agonalen Bildern der Apokalyptik einerseits, einer dem Moribunden abgewonnenen, rauschhaften Sinnlichkeit andererseits speist: der Dandy, femme fatale und femme fragile, éros und thánatos, Sadismus und Masochismus, das Bizarre und Absonderliche, der Kult der Kälte und der Künstlichkeit, der dekadenten Landschaft und des intérieurs.
Das Seminar will Arbeitsbegriffe der Thematologie und Motivgeschichte vermitteln und mit deren Hilfe die Dekadenzliteratur von ihren Voraussetzungen her erschließen. Diskutiert wird eine in Absprache mit den Seminarteilnehmern getroffene Auswahl der zentralen Texte der literarischen Dekadenz vornehmlich Frankreichs (Verlaine, Laforgue, Bourget, Huysmans, Bourges, Barrès, Mendès, Péladan, Lorrain), auch des englischen (Poe, Wilde) und deutschen Sprachraumes (Texte etwa von Nietzsche, Hofmannsthal, Rilke, Mann). Angestrebt wird daneben ein Seitenblick auf die Karriere ‚dekadenter‘ Motive in der bildenden Kunst der Zeit.
Das Proseminar richtet sich an Studierende der Romanischen Philologie (Französisch) und der AVL. Die Teilnahme setzt die abgeschlossene Einführung in das jeweilige Fach voraus. Für die Vergabe von Scheinen gelten die üblichen Bedingungen.

Zur Vorbereitung empfohlen seien:
Roger Bauer: Die schöne Décadence. Geschichte eines literarischen Paradoxons, Frankfurt a. M. 2001 sowie
Mario Praz: Liebe, Tod und Teufel. Die schwarze Romantik, München 41994.

Anzuschaffen und vor Seminarbeginn zu bearbeiten sind:
Joris-Karl Huysmans: À rebours, ed. Marc Fumaroli, Paris 21977 (Coll. Folio classique);
Oscar Wilde: The Picture of Dorian Gray, London 1994 (Penguin Classics);
Thomas Mann: Tristan, in beliebiger Ausgabe.

 


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