16730 Übung
Marc De Leeuw
Imaginäre Museen und andere Lesesäle
Die Verbindung zwischen Text und Bild wird an kaum einem Ort des inszenierten Diskurses so sichtbar wie im Museum. Texte kommentieren Bilder, oder Bilder begleiten Erzählungen. Das Museum als Ort des Sammelns, Archivierens und der Konstruktion des kulturellen Gedächtnisses ist eine Schaltzentrale zwischen 'high' und 'low culture', zwischen Kunst und Kitsch, zwischen kulturellem Abfall (der manchmal nur auf die Wiederentdeckung wartet) und kulturellem Fetisch.
Wie das Bild als solches ist auch die 'Ausstellung' Teil einer historischen, ästhetischen und semiotischen Konstruktion, deren Codes der Zuschauer als 'kulturelles Erbe' zu entziffern hat. Das Museum ist die sinnstiftende Institution für Begriffe wie Authentizität, Ursprung, Aura, Originalität, Echtheit sowie einmaliges Reservat für die Kategorisierung von Epochen, Schulen und Genres. Fälschungen als Simulationen des Originals sorgen gerade deshalb für große Aufregung, weil sie das Museum als letzten 'Raum der Authenzität' in Frage stellen.
Mit den Versuchen mittels Bildern eine Ordnung im kulturellen Gedächtnis herzustellen, ähnelt die 'Museographie' funktionell der Struktur literarischer Narrationen. Um die kulturelle Erbschaft antreten zu können, müssen durch hermeneutische Verfahren die historischen Kodierungen les- und sichtbar gemacht werden. Die Ausstellungsorganisation leistet diesem Rezeptionswunsch Vorschub.
Durch welche Diskurse diese Wiederaneignung gesteuert wird, soll in der Übung Gegenstand der Analyse sein. Die Konstruktion von Bild und Text innerhalb durch das Museum definierter räumlicher und zeitlicher Grenzen wird allmählich von Datenbanken und virtuellen Medien abgelöst. In diesen Medien sind die historische Bestimmung des Bildes und die daraus sich ableitende Ausstellungsfunktion ersetzt durch virtuelle Spiel- und Erlebnisformen.
Die Frage, welche semiotischen und historischen 'Konsequenzen' ein (Lese-) Spaziergang durch ein imaginäres oder virtuelles Museum hat, soll auch praktisch während Museumsbesuchen überprüft werden.
ZUR VORBEREITUNG:
- Paul Valéry: "Das Problem der Museen".
in: Werke. Frankfurter Ausgabe, Band 6, S. 445-450.
- André Malraux: Das imaginäre Museum.
Frankfurt am Main 1987.
- Michel Ames: Museums, the Public, and Anthropology.
Vancouver 1986.
- Walter Benjamin: "Das Passagenwerk". Kap. H.
in: Gesammelte Schriften. Band V, S. 269ff.
Frankfurt am Main 1991.
- Mieke Bal: "Telling, Showing, Showing Off".
in: Critical Inquiry. 1992, Vol. 18, Nr. 13, S. 556-595.