16454 Hauptseminar
Magie und Dichtung
Die Rede vom 'Zauber der Dichtung', von 'poetischer Magie' gehört zu den am häufigsten gebrauchten Wendungen, mit denen die Abweichung dichterischer Sprache von der Alltagssprache charakterisiert wird. Diese häufig vage Rede wird meistens mit der ebenso vagen Unterstellung zusammengebracht, die Dichtung sei das einzige Residuum des vergangenen Zaubers in einer 'entzauberten Welt'.
Das Seminar soll untersuchen, unter welchen Bedingungen diese Redewendung mehr als eine Metapher oder, vorsichtiger, eine hinreichend motivierte Metapher sein kann, welchen Anteil die verschiedensten Formen der Literatur also an den verschiedensten Formen der Magie 'tatsächlich' haben.
Von einem Begriff der 'Magie' wird dabei nicht auszugehen sein; vielmehr werden wir uns verschiedene Formationen der Magie verdeutlichen müssen, die historisch mit der jeweils zu untersuchenden Dichtung konvergieren. Die Epochen und Literaturen, aus denen die Stichproben auf das Verhältnis von Magie und Dichtung stammen, werden unter Berücksichtigung des Interesses der TeilnehmerInnen ausgewählt. Sie können von der griechischen Antike bis zur Gegenwart reichen; ein bemerkenswerter Höhepunkt der Bemühungen, 'Magie' in den verschiedensten Disziplinen und Textsorten zu umkreisen (u.a. in poetologischen Texten von Mallarmé, Yeats und Hofmannsthal), liegt um 1900.
Einen eigenen großen Komplex, der mit dem vorstehenden teils eng, teils lose zusammenhängt, bildet natürlich die Darstellung der Zauberei, der Zauberin, des Zauberers in der Dichtung: z.B. Circe in Homers Odyssee, Prospero in Shakespeares The Tempest, Faust nicht nur bei Goethe, Cagliostro nicht nur in Schillers Geisterseher, Mesmer nicht nur in E.T.A. Hoffmanns Der Magnetiseur, Cipolla in Thomas Manns Mario und der Zauberer usw.
ZUR VORBEREITUNG:
- Henri Hubert und Marcel Mauss: "Entwurf einer allgemeinen Theorie der Magie".
in: Marcel Mauss: Soziologie und Anthropologie.
Frankfurt am Main 1989. Band I, S. 43-179.
- Heinz Schlaffer: Die Aneignung von Gedichten. Grammatisches, rhetorisches und pragmatisches Ich in der Lyrik.
in: Poetica. 27 (1995), S. 38-57.