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16401 Vorlesung

Jurij Striedter

Terror erzählen


Die Vorlesung geht von der Frage aus, wie exzessiver politischer Terror erfahren, erzählend erfaßt, und dadurch mitteilbar und erinnerbar wird. Das wird an zwei unterschiedlichen Erfahrungs- und Themenbereichen aus der europäischen Geschichte und Zeitgeschichte untersucht: einerseits an der Drakula-Überlieferung (15.-20. Jh.); andererseits an der literarischen Auseinandersetzung mit den stalinistischen Konzentrationslagern und dem Holocaust.

Schon an den alten Erzählungen über die Schreckensherrschaft des wallachischen 'Pfählers' Vlad Drakula kann aufgezeigt werden, wie sich zwei gegensätzliche (aber kombinierbare) Konzeptionen der Repräsentation herausbilden: eine 'numerische', die das Ausmaß des Terrors betont und mit Zahlen verbürgt; und eine 'anekdotische', die ihn an typischen Episoden anschaulich macht. Anschließend läßt sich an der Entwicklung des Genres Schauerroman - von der englischen Gothic Novel bis zu Bram Stokers Vampir-Roman Dracula (1897) und dessen Folgen - demonstrieren, wie im Verlauf der Moderne das Individuum als wahrnehmendes Subjekt, als terrorisiertes Opfer wie als horrifizierter Leser, in den Mittelpunkt rückt.

Die Polarität 'ungeheures Ausmaß' versus 'individueller Einzelfall' prägt auch den literarischen und öffentlichen Diskurs über den politischen Massenterror des 20. Jahrhunderts. In Bezug auf den stalinistischen 'Gulag' läßt sich das am eindringlichsten an den Werken Solzhenitsyns demonstrieren. Im Hinblick auf die literarische Auseinandersetzung mit dem Holocaust kann es - wegen der Vielzahl und Vielfalt von Beiträgen - nur an einer Auswahl repräsentativer Werke, Konzepte, Tendenzen und Probleme untersucht und diskutiert werden; z.B. frühe anti-heroische KZ-Erzählungen polnischer Überlebender; Kafkaeske tschechische Holocaust-Romane der 60er Jahre; Der Holocaust im deutschen Roman (und der Vorwurf des 'Verschweigens'); Die Mühe des Erinnerns der Kinder und Enkel; Die Enttabuisierung der Täter; Die Rolle des (authentischen oder fiktiven) Tagebuchs als Wahrnehmungs- und Konstruktionsprinzip für die Berichte von Zeit-Zeugen, usw.

Als eine Art 'Begleitprogramm' soll in speziellen Sitzungen auch gezeigt werden, daß und wie Bilder von 'Terror erzählen' können - von den Illustrationen der alten Drakula-Drucke, über (einige der zahllosen) Drakula-Vampir-Filme, bis zum Beitrag von Fotografie, Film, Fernsehen und der visuellen Gestaltung von Gedenkstätten zur Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Fremdsprachenkenntnisse sind keine Voraussetzung für die Teilnahme, da alle wichtigen Texte auch in deutschen Übersetzungen verfügbar sind.

Die Vorlesung wendet sich an Studierende der Slavistik und der AVL sowie der Osteuropastudien.


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