16421 Proseminar
Dracula
Die Fiktion vom untoten Dracula ist einer der wirkungsvollsten Mythen der Moderne. An ihr läßt sich beispielhaft die Konfiguration eines erfolgreichen literarischen Modells aus volkskundlicher, motivgeschichtlicher, diskurshistorischer, psychologischer, genretheoretischer, technischer und mythologischer Perspektive untersuchen: Der Vampir ist bei weitem nicht nur im Sinne von Freuds Überlegungen zum 'Unheimlichen' als Objekt der Psychoanalyse und Sexualpathologie bzw. als Symbol diverser verdrängter Begierden ein lohnendes Thema.
Anhand von Dracula läßt sich ein vielschichtiger 'Diskurs' der Bedrohung rekonstruieren, der um die Jahrhundertwende am Vampir eine ideale Projektionsfläche, ein ideologisches Passepartout, eine flexible Allegorie der Differenz gefunden zu haben schien. Stokers Roman (von 1897) chiffriert geradezu idealtypisch Ängste, Aggressionen und Phantasien im Hinblick auf Frauen, Homosexuelle, Juden, Kolonien, Aristokratie, Kapitalismus, Epidemien, Wahnsinn, Degeneration, Verbrechen und vieles mehr. In den Methoden wiederum, mit denen der Vampir bekämpft wird, deuten sich bereits zentrale Positionen der sogenannten 'Klassische Moderne', etwa der 'Bauhaus'-Ästhetik und der 'Neuen Sachlichkeit' an, die an diversen Beispielen sichtbar werden (Loos, Gropius, Moholy-Nagy, Bruno Taut, Hannes Meyer, Le Corbusier).
Insbesondere sollen die medientheoretischen Aspekte (mit Friedrich Kittler) und die häufig unterschätzte Form des Romans (seine 'Montage'-Technik) thematisiert werden. Die Motivgeschichte - von den folkloristischen Ursprüngen über die klassischen Texte der Vampirliteratur (von Byron und Le Fanu bis in die Gegenwart) bis zur Umsetzung des Stoffes in zahllosen Filmen und anderen Produkten der Popkultur - wird gemeinsam nachvollzogen - auch im Hinblick auf eine Theorie der 'Horror'- bzw. 'Trivialliteratur'.
Schließlich wollen wir die Dracula-Figur im Vergleich mit anderen 'modernen Mythen' wie etwa 'Frankenstein', 'King Kong', 'Sherlock Holmes' oder 'James Bond' diskutieren: Wie läßt sich beispielsweise die 'modernistische' Dracula-Narration dem antiaufklärerischen Frankenstein-Plot gegenüberstellen? Welche ideologischen Implikationen enthalten die einzelnen Motive? Und wie lassen sie sich anhand der an Dracula gemeinsam herausgearbeiteten Modelle analysieren?
ZUR VORBEREITUNG wäre neben einer Lektüre von Bram Stokers Dracula (in der Oxford-Ausgabe) ein Blick in Roland Barthes' Mythologies (dt. Mythen des Alltags) vorzuschlagen.
(Siehe auch bei den Seminararbeiten.)