16422 Proseminar
Einführung in die griechische Tragödie
Die griechische Tragödie ist der Anfang des europäischen Theaters, die Beschäftigung mit ihr Ausgangspunkt der Literaturwissenschaft. Der Einführungskurs vermittelt Grundkenntnisse über wesentliche Texte, Kontexte, Strukturen, Theorien und Variationen der 'Tragödie' aus verschiedenen Perspektiven: Nach Überlegungen zu den kulturanthropologischen Voraussetzungen des Dramas (Ritual, Mythos) und zu dessen politischer Situierung (in Athen) wird jeweils eine exemplarische Lektüre aus dem Werk der drei Tragiker unternommen. Wir lesen die Orestie (Aischylos), König Ödipus (Sophokles) und die Bakchen (Euripides).
Dabei sollen die wichtigsten technischen, formalen und inhaltlichen Elemente und Konventionen der Tragödie herausgearbeitet werden: Theaterarchitektur, Kostüme, Requisiten, Bühnenmaschinen, Sprache und Struktur-Modell der Stücke, der Begriff des 'Tragischen', die Konzepte der 'Hybris', 'Katharsis', der 'deus ex machina' etc. Anhand der gemeinsam gelesenen und diskutierten Texte werden zeitgenössische wie auch spätere Positionen der Theatertheorie und Poetik, die im Hinblick auf die Tragödie entwickelt wurden, rekonstruiert: insbesondere von Platon, Aristoteles, Horaz, Boileau, Nietzsche, Peter Szondi und Roland Barthes. Bedeutende Beiträge der Altphilologie werden hinzugezogen.
Da die griechischen Tragödien zu Bezugspunkten endloser Serien von Bearbeitungen und Neufassungen wurden, lassen sich durch Vergleiche (beispielsweise der Orestie mit Shakespeares Hamlet, Eugene O'Neills Mourning Becomes Electra und Jean-Paul Sartres Les mouches) die Ergebnisse der im Seminar entwickelten Lektüren an ausgewählten Kontrastmodellen schärfen und dabei zugleich Methoden komparatistischen Arbeitens erproben. (Eine Diskussion moderner Inszenierungen kann bei Interesse miteinbezogen werden.) Griechisch-Kenntnisse sind keine Voraussetzung der Teilnahme.
ZUR VORBEREITUNG wird eine erste Lektüre der zu behandelnden Tragödien (Aischylos: Orestie; Sophokles: König Ödipus; Euripides: Bakchen) sowie der Poetik des Aristoteles (Kapitel 1-19) empfohlen.