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16424 Proseminar

Brian Poole

Literarische Allergien


Historiker erkennen in Seuchen und Epidemien einen Teil der europäischen Kulturgeschichte, die den labilen oder abwehrfähigen Körper für sich sprechen läßt. Mit körperlichen Symptomen werden Epochen datiert, urbane Lebensformen charakterisiert und schließlich auch Menschen historisch in einen affektiven Bezug zueinander gebracht - etwa als Risiken in Form von möglichen Ansteckungsgefahren oder als Modalitäten der Grenzziehung. Wer angesteckt wird, bleibt draußen.

Anders bei der Allergie, der verbreitetsten Krankheit moderner urbaner Gesellschaften. Die 'Popularität' von Allergien hat selten ein entsprechendes kulturhistorisches Interesse erweckt, wohl auch deshalb, weil Allergien nicht ansteckend sind. Sie gehören zu den idiosynkratischen Erscheinungen, die vielmehr ihre Träger differenzieren und charakterisieren. Sie gewähren eine reiche, differenzierungsfähige pathologische Charakterologie, mit der die Literatur seit jeher kokettiert hat, für die aber die Literaturwissenschaft selbst keine hermeneutische Methode kennt. Daß eine Allergie einen nonkonformistischen Gehalt hat, liegt an ihrer Eigentümlichkeit: Virale Infektionen haben eine eigene, beinah immer ähnlich verlaufende Symptomatik; bei der Allergie besteht nur eine Überempfindlichkeitsdisposition, die jeder für sich nach eigener Art manifestiert.

Somit wurden Allergien schon immer als ein individualistisches körperliches Ausdrucksvermögen verstanden. Und das seit der Antike, aber gerade auch in der Literatur der Gegenwart, wo die alltäglichen Metaphorisierungen von Allergien zu einem Ersatzvokabular für starke Empfindungen und 'deviant behavior' geworden sind. Bereits für Freud bestand ein Zusammenhang zwischen Leidenssymptom und pathogener Idee. Und heute?

Ziel dieses Seminars ist es, der Geschichte der Allergien nachzugehen, ihre Typologie von der Antike bis zur Moderne zu umreißen und die literarischen Verwendungen von Allergien anhand einiger ausgewählter Romane zu untersuchen.

LITERATUR:

  • Schadewaldt, Hans: Idiosynkrasie, Anaphylaxie, Allergie, Atopie - Ein Beitrag zur Geschichte der Überempfindlichkeitskrankheiten.
    Opladen (Westdeutscher Verlag) 1981.
  • Schadewaldt, Hans: Geschichte der Allergie (4 Bände).
    München (Dustri-Verlag) 1979-1983, vor allem Band 1, S. 1-101
  • Rössle, Robert: "Geschichte der Allergieforschung".
    in: Karl Hansen (Hg.): Allergie, Stuttgart (Thieme) 1957, S. 6-43.
  • Mitscherlich, Alexander: "Die Psychosomatik in der Allergie" (1951).
    in: Gesammelte Schriften, Band II, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1983, S. 348-361.
  • Mitscherlich, Alexander: "Psychosomatische Aspekte der Allergie" (1950).
    in: Gesammelte Schriften, Band II, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1983, S. 319-337.
  • Freud, Sigmund: "Bruchstücke einer Hysterie-Analyse" ('Der Fall Dora').
    in: Gesammelte Werke. Frankfurt am Main (Fischer) 1999, Band V, S. 161-286.
  • Süskind, Patrick: Die Taube.
    Zürich (Diogenes) 1987.
  • Süskind, Patrick: Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders.
    Zürich (Diogenes) 1985.


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