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16455 Hauptseminar

Gert Mattenklott

Poetik des Auditiven


Für die Geschichte der Wissenschaften hat Foucault für den Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert eine zunehmende Privilegierung des Auges festgestellt:

"Das Auge wird zum Hüter und zur Quelle der Wahrheit; es hat die Macht, eine Weisheit an den Tag kommen zu lassen, die es nur empfängt, sofern es ihr das Tageslicht geschenkt hat; indem es sich öffnet, eröffnet es die Wahrheit: diese Wendung markiert den Übergang der 'Aufklärung' von der Welt der klassischen Klarheit zum 19. Jahrhundert." (Die Geburt der Klinik. Frankfurt am Main 1988, S. 11)

Die Künste bilden diesen Prozess nicht einfach ab, sondern problematisieren ihn.

Im Vierten Kritischen Wäldchen des jungen Herder rührt das Klangereignis eines einzelnen Tons die Seele mit der Gewalt eines Geschosses:

"Das eine Volk spricht eherne Panzer von Worten; das andre mit feinern Sprachwerkzeugen tönet Silberwellen, die durch feinere Hörorgane zu silbernen Pfeilen geschmiedet, die Seele durch Töne, wie durch einfache Punkte treffen."

Als der Autor 1783 den 'Geist der Ebräischen Poesie' zu bestimmen unternimmt, sieht er ihn in Bilderrede und Gesang wurzeln. Die Verschriftlichung dieser Poesie ist für ihn nicht aus dem Logos geboren, sondern aus dem Bemühen, "Bild und Schall zu paaren" (das graphische Schriftzeichen als Ausmalung der 'Artikulation des Mundes' - Zweifel an Derrida avant la lettre).

Nicht erst von Herder an - aber seit seinen Schriften mit besonderem Nachdruck - datiert eine Poetik des Auditiven, die über die Klassiker der Avantgarden (Joyce: Finnegan's Wake), den Bruitismus der Futuristen (Russolo, Papini, Boccioni), und den Dadaismus (Tzara, Hausmann, Schwitters) bis zur Lautpoesie von Scheerbart, Heißenbüttel und Perec (sowie diverse zeitgenössische Autoren) reicht. Friedrich Nietzsche hat sie neu begründet. Vom 'Chor der Verwandelten' spricht er in der Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik. Er postuliert ihn als einen Stimmkörper, in dem sich die Präsenz der Leiden vergegenwärtigt, von denen die Tragödie handelt.

Die Geburt der Tragödie, damit ist im wesentlichen nicht die Renaissance einer Kunstform im Sinn der idealistischen Gattungspoetik gemeint, sondern die jedesmalige Präsenz der Stimme des Dionysos, dessen Wirklichkeit der Chor bezeugt. Dieser ist Stellvertreter des Lebendigen im appollinisch eingefriedeten Szenario der Kunst. Durch ihn wird immer aufs Neue die Erfahrung des archaischen Grauens angesichts des naturhaften Ursprungs und letztlich auch Verfalls alles Menschlichen artikuliert, eben jener Schrecken, aus dem die griechische Tragödie hervorgegangen sei.

Ein Aphorismus aus der Morgenröte nennt das Ohr ein Organ der nächtlichen Welt, das Sensorium des Furchtsamen. Die metaphorische Repräsentation des Ohrs im Text trägt dem Rechnung, wenn sie sich z.B. an das Labyrinth oder die Muschel als Bilder des Unergründlichen oder Irregulären hält.

Die Dimensionen dieser Poetik sollen in diesem Seminar an einigen Beispielen bewusst werden. Mündlichkeit wird hier nicht in erster Linie in ihrem Unterschied zu Schriftlichkeit zum Thema, sondern in ihrer Beziehung auf die Anthropologie und Ästhetik der Sinne. Die gemeinsame Lektüre wird sich im wesentlichen an poetologische Reflexionen, an Gedichte, programmatische Äußerungen und Essays halten.

LITERATUR:

  • Hellmut Plessner: Anthropologie der Sinne. Gesammelte Schriften III. Frankfurt am Main 1980.
  • Gustav René Hocke: Manierismus in der Literatur. Sprach-Alchimie und esoterische Kombinationskunst. Reinbek 1959 (und später).
  • Peter Utz: Das Auge und das Ohr im Text. Literarische Sinneswahrnehmung in der Goethezeit. München 1990.
  • Jürgen Trabant: "Herder's Discovery of the Ear".
    in: Herder Today. Contributions from the International Herder Connference, Nov. 5-8 1987, Standord. Hrsg. von Kurt Mueller-Vollmer. Berlin und New York 1990, S. 345-366.
  • Grössel (Hg.): Raymond Roussel. Eine Dokumentation. München (text + kritik) 1977.
  • Bernd Wacker (Hrsg.): Dionysius DADA Areopagita. Hugo Ball und die Kritik der Moderne. Paderborn 1996.
  • Helmut Heißenbüttel: Versuch über die Lautsonate von Kurt Schwitters. Wiesbaden 1983.
  • Harald Hartung: "Das Rauschen der Sprache im Exil. Annäherungen an die Dichtung Oskar Pastiors".
    in: Merkur. Heft 7, Juli 1982, S. 658-666.

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