Nachtrag Hauptseminar 1
Susanne Schmid
Frauen und Mythen
Repräsentieren Mythen Grundelemente des menschlichen Daseins oder aber falsches Bewußtsein? Die Frage nach dem Unterdrückungs- oder Befreiungspotential von Mythen wurde in literarischen wie theoretischen Texten der letzten Jahrzehnte gerade von Autorinnen häufig aufgeworfen.
Sind Frauenmythen in der literarischen Tradition zumeist Mythen über Frauen, so hat das Projekt des Neuentdeckens und Umschreibens Frauenmythen verstärkt zu Mythen von Frauen gemacht. Traditionelle Konstruktionen von Weiblichkeit werden so entmythologisiert, neue Mythen kreiert. Die Strategien reichen von einer postmodernen bricolage, dem Spiel mit den Versatzstücken diverser alter Mythen (etwa bei Angela Carter) bis hin zum Neuschreiben von Mythen aus der Sicht einer weiblichen Protagonistin bei Christa Wolf.
Neben der Auseinandersetzung mit 'patriarchalischen' Mythen (z.B. dem Leda-Mythos in Carters The Magic Toyshop) werden, wie etwa mit der Figur der monströsen Melusine in A.S. Byatts Roman Possession, alte Mythen der weiblichen Subjektivität neu entdeckt und neu geschrieben. Ent- und Remythologisierung sind einander ergänzende Strategien.
Das Seminar wird formale Aspekte der Mythenverwendung wie auch unterschiedliche Inszenierungen von Weiblichkeit in alten wie neuen Mythen zum Thema haben. Um die nicht selten antagonistischen Dialoge mit früheren Bearbeitungen der Mythen zu analysieren, werden wir uns auch mit antiken Prätexten und deren ('patriarchalischen') Weiterbearbeitungen befassen.
TEXTGRUNDLAGE:
- Angela Carter: The Magic Toyshop.
London (Virago) 1987.
- A.S. Byatt: Possession.
London (Vintage) 1991.
- Christa Wolf: Kassandra.
München (dtv) 1993.
- Christa Wolf: Medea.
München (dtv) 1998.
- Außerdem ausgewählte Gedichte von Margaret Atwood, Sylvia Plath und anderen.
Die Romane von Carter und Byatt liegen im Buchexpress vor (Unter den Eichen 97, Tel.: (030) / 831 - 40 04).
Daneben werden wir im Seminar auch theoretische Texte behandeln, um Analysekategorien zu erarbeiten und zu diskutieren (Roland Barthes, Hans Blumenberg, Hélène Cixous, C.G. Jung, Claude Lévi-Strauss, Joanne Russ u.a.).
ZUR EINFÜHRENDEN LEKTÜRE sei verwiesen auf Roland Barthes: Mythen des Alltags. Frankfurt (Suhrkamp) 1964.
Beginn: Zweite Semesterwoche. Die ausgefallene Sitzung wird nachgeholt.