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16433 Übung

Nicola Gess

Dialektik der Verzauberung:
Musikästhetik der deutschen Romantik


Das Projekt der Aufklärung geht seit seinen Anfängen Hand in Hand mit einem Leiden an der aufgeklärten Welt. Laut Max Weber ist dafür die "Entzauberung" der modernen Welt verantwortlich, die als wissenschaftlich beherrschbare keiner geheimnisvollen transzendenten Mächte mehr bedarf. Eine Kunstform steht geschichtlich wie keine andere für den Versuch ein, durch die Kunst aus dem Zustand der Entzauberung auszubrechen: die Musik. In der deutschen Romantik avanciert Musik zum Medium par excellence für eine wiederverzauberte Wahrnehmung der Welt (das Spektrum reicht dabei von einer imaginären Rückkehr in die Kindheit und unmittelbaren Naturerfahrungen bis zur religiösen Entrückung).

Anhand ausgewählter Texte (z.B. von Wackenroder, Rochlitz, E.T.A. Hoffmann, Eichendorff, Brentano) werden wir die Funktion der Musik als literarische Figur vor dem Hintergrund der Aufklärung einerseits und der musikalischen Entwicklung der Zeit andererseits untersuchen. Im Zentrum werden dabei auffällige Ambivalenzen stehen, wie Musik als Schrift versus Musik als Klang oder Rationalität der musikalischen Struktur versus Emotionalität ihrer Wirkung. Sie informieren einen dialektischen Umschlag, der in den Texten immer wieder auftaucht: von der Musik als Garantin einer reichen Innerlichkeit und religiöser Erleuchtung zur Musik als wahnsinn- oder todbringender Verführungsmacht.

Dass diese Rede von einer bedrohlichen Wirkung der Musik auf eine politische Unterseite der scheinbar so weltabgewandten Träumereien hinweist, wird deutlich spätestens, wenn man sich musikästhetische Texte vom Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts ansieht (z.B. von Nietzsche, Bloch, Mann, Hesse), in denen die romantische Tradition in verschiedener Weise explizit politisiert wird. Am Ende des Seminars soll deshalb ein kurzer Ausblick auf diese Texte stehen. Musikalische Vorkenntnisse sind für das Seminar nicht notwendig. Das Lesepensum liegt bei ca. 30 Seiten pro Woche.

Zum Einstimmen (für diejenigen, die Zeit und Lust haben):

  • E.T.A. Hoffmann: Phantasiestücke in Callots Manier. Blätter aus dem Tagebuch eines reisenden Enthusiasten.
    in: Sämtliche Werke in sechs Bänden. Band 2,1: Werke 1814. Wulf Segebrecht (Hrsg.).
    Frankfurt am Main 1993.
    (Oder jede andere Ausgabe).


  • Christine Lubkoll: Mythos Musik. Poetische Entwürfe des Musikalischen in der Literatur um 1800.
    Freiburg im Breisgau 1995.


  • Carl Dahlhaus: Klassische und romantische Musikästhetik.
    Laaber 1988.


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