16451 Hauptseminar
Inspirationsfiguren
Inspiration ist eine göttliche Gabe. Wer sich auf sie beruft, versichert dem Hörer und Leser, daß das, was dieser höre und lese, durch göttliche Autorität verbürgt sei. Doch abseits der christlichen Lehre von der Verbalinspiration der Hlg. Schrift sind sowohl die Gottheiten, von denen die Inspiration ausgeht, als auch deren Formen und Inhalt von grundsätzlicher Ambivalenz.
Während die Musen in Hesiods Theogonie sich damit begnügen, den Dichter im Zweifel zu lassen, ob das, was sie ihm verkünden, wahr oder falsch sei, wird der Reisende, der dem Sirenengesang in der Odyssee lauscht, die ihm zuteil gewordene Offenbarung mit dem Leben bezahlen. Von dieser Ambivalenz sind auch die Figuren, die Musen oder die Sirenen selbst betroffen: Schwanken die Musen bei Hesiod zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, erscheinen die Sirenen bei Homer als Zwitterwesen aus Mensch und Tier. Schließlich ist der Effekt der Inspiration keineswegs eindeutig, er kann sich von einer sanften Bewegung der Luft bis hin zum gefährlichen Brausen steigern und den Dichter zum enthusiastischen Rasen, zum Rausch oder in den Wahnsinn führen.
Das Seminar wird versuchen, anhand von ausgewählten poetischen und theoretischen Texten von der Antike bis zum Surrealismus verschiedenen Formen und Techniken der Inspiration nachzugehen und ihre poetologische Funktion zu klären.
Zur Vorbereitung empfehle ich das Buch von Axel Gellhaus: Enthusiasmus und Kalkül. Reflexionen über den Ursprung der Dichtung. München (Fink) 1995.