16456 Hauptseminar
Mehrsprachigkeit in Literatur und Theorie
Spätestens seit Dante Alighieri um 1300 die Divina Commedia und weitere poetische Werke auf toskanisch, die Verteidigung eben dieser Sprachwahl (De vulgari eloquentia) hingegen auf Latein schrieb, hat die Literatur ein Bewußtsein dafür entwickelt, daß die Sprache, in der einer schreibt, sich nicht von selbst versteht, sondern Ergebnis einer bewußten, gegebenenfalls begründbaren Wahl ist.
Dies schlägt sich, auch lange nach dem Untergang des Lateinischen als lingua franca der europäischen Kultur, in ganz verschiedenen Konstellationen nieder, und wird besonders offensichtlich bei exophonen Autoren, d.h. solchen, die gerade nicht (oder nicht ausschließlich) in ihrer Muttersprache geschrieben haben: Adelbert von Chamisso, Joseph Conrad, Vladimir Nabokov, Samuel Beckett ...
An Texten dieser Autoren, im Falle Becketts auch an seinen eigenen Übersetzungen, sind die Gründe für die Sprachwahl ebenso wie deren Auswirkungen auf die Textgestalt selbst zu untersuchen. Diese Fälle sind jedoch nicht einfach als Ausnahmen von einer Regel zu begreifen. Vielmehr lenken sie die Aufmerksamkeit auf den scheinbar trivialen Sachverhalt, daß jedes Werk mit seiner Entscheidung für eine bestimmte Sprache sich in die Vielfalt der verschiedenen Sprachen einschreibt.
Dementsprechend sind die für das Seminarthema in erster Linie interessanten theoretischen Texte keineswegs ausschließlich solche, die das Thema der Mehrsprachigkeit explizit adressieren, sondern auch solche, die es implizit in sich aufnehmen (wie sich etwa an einer Relektüre von de Saussures Cours de linguistique général zeigen läßt) oder sogar solche, die es - vergeblich - zu nivellieren versuchen (wie etwa die Sprechakttheorie). Zunehmend wird dabei auch fraglich, ob eine erste, Mutter- Sprache, von einer zweiten, Fremd- oder (insofern sie von männlichen Lehrern gelehrt wird) Vater- Sprache überhaupt noch so problemlos zu unterscheiden ist wie zu Dantes Zeiten.
Von besonderer Dringlichkeit ist diese Frage im Szenarium der Globalisierung, in dem ganze Kontinente exophone Literaturen entwickeln. Deshalb schlage ich für einen letzten Seminar-Block eine Beschäftigung mit Literatur aus Afrika vor, und zwar mit Romanen, welche mehrsprachige Situationen intensiv reflektieren bzw. gewitzt in ihr eigenes Verfahren eintragen: Assia Djebar: Lamour, la Fantasia. Paris (Lattès) 1985; Ahmadou Kourouma: Allah nest pas obligé. Paris (Seuil) 2000.
Zur Einführung: eine erste Lektüre - ohne daß man dabei alles verstehen müßte - von Jacques Derrida: Le monolinguisme de lautre. Paris (Galilée) 1996 [deutsch Übersetzung bei Fink angekündigt] und/oder der genannten Autoren und Werke.