16457 Hauptseminar
Die gespaltene Seite.
Zum Verhältnis von Text und Paratext in moderner Literatur
Wissenschaftliche Texte haben Anmerkungen. In ihnen stehen bibliographische Angaben, Querverweise, Erläuterungen, zusätzliche Argumente, Einschränkungen usw. In literarischen Texten wäre so etwas fehl am Platz (es sei denn, es handelt sich um kommentierte Ausgaben).
Dennoch gibt es eine ganze Menge literarischer Texte, vor allem Romane, die von Fußnoten begleitet sind und in denen diese Paratexte eine wesentliche Rolle spielen. Fußnoten lassen eine oder mehrere andere Stimmen zu Wort kommen, schaffen weitere Ebenen (Anmerkungen zum Text können selbst wieder Anmerkungen haben usw.), kommentieren das oben auf der Seite bzw. vorne im Buch Gesagte, schweifen ab, verselbständigen sich ...
Roman / Erzählung / Gedicht etc. und Anmerkungen / Fußnoten / Marginalien etc. interagieren derart auf vielfältige Weise und eröffnen ein Spiel, das den Unterschied zwischen dem Primären und dem Sekundären, zwischen Text und Paratext in Frage stellt.
Im Seminar werden theoretische Überlegungen zum Paratext 'Anmerkung' (von Genette u. a.) diskutiert und Texte aus dem 20. Jahrhundert gelesen (Eliot, Joyce, Nabokov, F. O'Brien, Borges, Valéry, A. Schmidt ...). Abgesehen von einigen 'Klassikern' der literarischen Anmerkung ist die Auswahl und damit auch das Seminar für Lektüreinteressen und Initiativen offen.