16425 Proseminar
Kunst und Geist(er)zeugung um 1900
"Seltsam zeugender Verkehr eines Geistes mit einem Körper!" erstaunt sich der Erzähler von Thomas Manns Novelle Der Tod in Venedig über das Treiben und Schreiben seines Protagonisten. Wie die tradierte Metapher der geistigen Zeugung in Literatur um 1900 verhandelt wird, wie der Geist, "dieses Korpus aus Deutscher Dichtung und Deutschem Idealismus, zum stinkenden Kadaver" (Kittler) wird, wie er in der Epoche von Décadence und Degeneration selbst dem biologischen Verfall anheim fällt und auf dem Schauplatz der Schrift gespenstisch wiederkehrt, und wie, was und/oder wovon er zeugt, soll in diesem Seminar Thema sein.
Am Rande werden wir dabei auch den Bezug zu Vererbungstheorien und biologischen Gedächtnistheorien der Zeit herstellen. Wir werden beginnen mit einer textnahen Lektüre von Der Tod in Venedig. Anschließend ist die Arbeit an Texten etwa von Walter Benjamin (Schemata zum psychophysischen Problem, Sokrates, u.a.), Hugo von Hofmannsthal (Der Brief des Lord Chandos, Andreas), Rilke (Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge), Musil (Die Amsel, Die Verwirrungen des Zöglings Törless), Karl Kraus und Fritz Mauthner vorgesehen, eine engere Auswahl aus den in der ersten Sitzung vorgestellten Texten wird gemeinsam mit den Teilnehmenden getroffen.
Zur Vorbereitung wird um die Lektüre von Thomas Manns Novelle gebeten.
Literaturhinweise:
- Christian Begemann und David Wellbery (Hgg.): Kunst-Zeugung-Geburt. Theorien und Metaphern ästhetischer Produktion in der Neuzeit.
Freiburg 2002.
- Friedrich Kittler: Aufschreibesysteme 1800/1900. 2. Teil.
München 1995.
- Werner Michler: Darwinismus und Literatur. Naturwissenschaftliche und literarische Intelligenz in Österreich, 1859-1914.
Wien, Köln und Weimar 1999.
- Dietmar Schmidt: Geschlecht unter Kontrolle. Prostitution und moderne Literatur.
Freiburg 1998.
- Sigrid Weigel: "Von Bildern zu dialektischen Bildern - Zur Bedeutung der Geschlechterdifferenz in Benjamins Schriften" und "Für Männer - Überzeugen ist unfruchtbar - Zum Zusammenhang von Eros und Sprache".
in: Sigrid Weigel: Entstellte Ähnlichkeit. Walter Benjamins theoretische Schreibweise.
Frankfurt am Main 1997, S. 130 - 186.