16451 Hauptseminar
Orpheus intermedial. Dichtung, Religion, Oper und Film von Ovid bis heute
Der Mythos von Orpheus, dem Sänger, Liebenden und Eindringling ins Totenreich ist der wohl wirkungsmächtigste Künstler-Mythos. In der Antike verehrt als Religionsstifter, wurde der Sänger aus Thrakien später zum bevorzugten Sujet, an dem Dichter, Komponisten, Maler oder Filmemacher die (Ohn)Macht von Kunst-Praktiken - aber auch von Liebe - inszenierten.
Ausgehend von der antiken Orpheus-Mythik wollen wir Texte Ovids, Calderóns, Rilkes und anderer moderner Dichter analysieren - insbesondere im Hinblick auf die Wandlungen der impliziten Poetiken, die immer wieder im Rückgriff auf den mythischen Sänger entworfen wurden. Ein idealer Fluchtpunkt wäre als interessantes zeitgenössisch postkoloniales Rock-Orpheus-Remake Salman Rushdies Roman The Ground beneath their Feet (da dies ein umfangreicher Roman ist, mögen Referats-Interessenten sich vor Semesterbeginn an die Lektüre machen - das ist durchaus Strandlektüre ...).
Orpheus war der naheliegende Stoff, den sich um 1600 die neue Gattung der Oper für ihre Selbstdefinition wählte: wir werden Monteverdis Orfeo und den neuerlich operngeschichtlichen Drehpunkt des Gluckschen Reform-Opern Orpheus erörtern (bei gegebenem Interesse auch Offenbachs Meister-Operette).
Orpheus-Verfilmungen, Cocteaus moderner Pariser Orphée und insbesondere Camus brasilianischer Orfeu negro, sowie malerische Adaptionen werden zeigen, wie sich der Stoff antiker Gesangs-Metaphysik intermedial bis in die Moderne fortpflanzt.
Zur Anschaffung und Vorbereitung empfohlen sei die Orpheus-Anthologie von Wolfgang Storch: Mythos Orpheus. (Reclam Leipzig).