16452 Hauptseminar
Literatur schreibt Literaturtheorie
Literaturtheorie entsteht nicht im historischen Vakuum und formuliert keine unvergänglichen Axiome, sondern schult sich zumeist an der Dichtung ihrer Zeit. Indem sie individuelle Leseerfahrungen zu Lehren verallgemeinert, stellt sie immer auch ihren eigenen Literaturkanon auf. Zum Beispiel eignen sich strukturalistische Methoden besser für formale Gedichtanalysen als für Interpretationen politisch engagierter Erzählliteratur, so daß die Affinität des literaturwissenschaftlichen Strukturalismus zu Avantgarde-Dichtung ebenso wenig zufällig erscheint wie etwa die Affinität dekonstruktiver Literaturwissenschaft zu Autoren wie Hölderlin, Kafka und Celan.
Diesem Seminar liegt die These zugrunde, daß Literatur ihre akademische Theorie nicht bloß inspiriert, sondern schreibend vorwegnimmt. So übt Velemir Chlebnikovs futuristische Dichtung jene poetische Funktion aus, die Jakobson später theoretisiert, schreiben Flauberts Bouvard et Pécuchet und Borges Ficciones poststrukturalistische Diskurs- und Texttheorie avant la lettre, vollzieht sich in Kafkas Türhüter-Parabel und ihren Deutungen im Proceß-Roman, was Derrida Dekonstruktion nennt, und lassen sich Thomas Pynchons frühe Romane als Palimpseste von Friedrich Kittlers technischer Medientheorie lesen.
Das Seminar soll diese Aneignungen lesend nachvollziehen und dabei auch interessanten Fehllektüren auf die Spur kommen.
Zur Vorbereitung lesen Sie bitte folgende Texte:
- Velemir Chlebnikov: Zakljatie smechom. (Beschwörung durch Lachen).
in: ders.: Werke.
Reinbek 1985 (1972), S. 19 - 23.
- Roman Jakobson: Linguistik und Poetik.
in: ders.: Poetik.
Frankfurt am Main 1993 (1960), S. 83 - 121.
- Gustave Flaubert: Bouvard et Pécuchet.
Paris 1999 (1881).
- Jorge Luis Borges: La Biblioteca de Babel und El jardín de los senderos que se bifurcan.
in: ders.: Ficciones. [Obras completas. Band 1].
Buenos Aires 1988 (1944).
deutsch: Die Bibliothek von Babel und Der Garten der Pfade, die sich verzweigen.
in: ders.: Fiktionen.
Frankfurt am Main 1994.
- Michel Foucault: Das unendliche Sprechen.
in: ders.: Schriften zur Literatur.
Frankfurt am Main 1988, S. 90 - 103.
- Michel Foucault: Die Einheiten des Diskurses.
in: ders.: Archäologie des Wissens.
Frankfurt am Main 1981 (1973), S. 33 - 47.
- Thomas Pynchon: Gravitys Rainbow.
New York 1997 (1973).
- Friedrich Kittler: Hardware, das unbekannte Wesen.
in: Sybille Krämer (Hrsg.): Medien Computer Realität.
Frankfurt am Main 2000.
- Franz Kafka: Der Proceß.
Frankfurt am Main 1990.
darin: "Im Dom", S. 270 - 304.
- Jacques Derrida: Grammatologie.
Frankfurt am Main 1983.
(Siehe auch bei den Seminararbeiten.)
Blocksitzung: Vorstellung und Diskussion von Hausarbeitsprojekten
Das gesamte Programm und die Exposés aller Hausarbeits-Projekte sind auch als Kopien im Handapparat des Seminars in der Bibliothek des Instituts zu finden.
Sonnabend, 1. Februar 2003
I. Borges
| Anne Schirrmacher: Borges, Der Garten der Pfade, die sich verzweigen und Umberto Eco, Das Foucaultsche Pendel. [siehe Exposé]. |
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| Kirsten Pohl: Von der endlichen Zahl orthographischer Zeichen zum unendlichen Universum der Literatur. [siehe Exposé]. |
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| Thies Schnack: Deleuze / Borges. [siehe Exposé und Hausarbeit]. |
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| Nele Schneidereit: Borges, Die Bibliothek von Babel und Der Garten der Pfade, die sich verzweigen. [siehe Exposé]. |
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| Jaume Bonfil: Borges und Harold Bloom. |
II. Kafka
| Matthias Grau: Gesten und Gebärden in Kafkas Der Proceß. [siehe Exposé]. |
III. Prosa: Calvino, Pynchon
| Anne Holper: Konstruktionen unsichtbarer Städte. [siehe Exposé]. |
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| Dania Hückmann: Pynchon: Stabilität in der Instabilität. [siehe Exposé]. |
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| Leo Fischer: Wir oder sie - Zur Konstruktion des Feindbilds Them in Thomas Pynchons Gravitys Rainbow. [siehe Exposé]. |
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| Hanno Kückelmann: Kampf der Techniker (Pynchon und Jünger). [siehe Exposé]. |
IV. Lyrik: Stein
| Isabel Exner: Gertrude Stein. |
Dienstag, 4. Februar 2003
V. Sprach- und Literaturtheorien
| Marja Bentlin: Die Sprachen des Philosophen und die Sprachen des Literaten. [siehe Exposé]. |
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| Tim Albrecht: Foucaults Unendliches Sprechen und der Nouveau roman. [siehe Exposé]. |
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| David Wachter: Das Unendliche Sprechen und das Verschwinden des Subjekts. [siehe Exposé]. |
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| Barbara Jobmann: Begriff des Zeichens bei Roland Barthes und in der postmodernen Architektur. [siehe Exposé]. |
(Siehe auch bei den Seminararbeiten.)