52725 Hauptseminar
Ästhetik der Dinge in der russischen Literatur
Spätestens seit Nikolaj Gogol wird das Ding zu einer anthropologischen und ästhetischen Herausforderung der Literatur. (Man denke etwa, aus Gogols Figurenrepertoire, an Dingfetischisten wie den in seinem Müll erstickenden Pljushkin aus Die toten Seelen.) Das schlägt sich nieder in einer Ambivalenz aus Dingskepsis und Dingbesessenheit. Einerseits steht das utilitäre und entfremdete Ding für einen defizienten Erfahrungsmodus, andererseits wird dem Ding (auch dem Kunstding, dem Artefakt) und seiner Faktur eine besondere ästhetische Intensität zugestanden.
In der realistischen Ästhetik des 19. Jh. drückt sich die Affinität zum metonymischen Detail nicht zuletzt in der Naheinstellung auf Dinge aus (die berühmte Handtasche der Anna Karenina). In der Avantgarde wird die skizzierte Spannung etwa im Nebeneinander von Konzepten der Gegenstandslosigkeit und des konstruktivistischen veshizm (Ding-ismus) manifest und entfaltet sich in Topoi wie dem Aufstand der Dinge.
Andererseits gibt es nun antikonstruktivistische Programme einer Rehabilitation des Dings, der Betonung seiner teleologischen Wärme (etwa im Hellenismus Osip Mandelstams). In der Postmoderne wird das Ding einer erneuten Revision unterzogen (etwa in minimalistischer Literatur und Kunst und in der Essayistik der Konzeptualisten, etwa Ilja Kabakovs).
Das Seminar will an den genannten und anderen Beispielen ästhetische und anthropologische Implikationen literarischer Dingmotivik untersuchen.