16410 Grundkurs
Einführung in die Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft
Die Geschichte der Literatur ist zugleich die Geschichte ihrer Aneignungen, Umformungen und Umschreibungen zum einen durch die Literatur selbst, zum anderen durch das, was wir heute Philologie oder Literaturwissenschaft nennen. Bereits die antiken Rhapsoden, die die kanonischen Werke öffentlich vortrugen und erklärten, entwickelten Techniken, unverständliche Wörter und dunkle Stellen der Werke für ihr modernes Publikum zu übersetzen und zu kommentieren und so den historischen Abstand zu überbrücken, der das Publikum von den Texten der Tradition trennte. Diese Vermittlungsaufgabe hat sich bis heute nicht wesentlich geändert, auch wenn die methodische Reflexion und die literaturwissenschaftlichen Techniken sich verfeinert und vervielfacht haben.
Der Grundkurs verfolgt eine dreifache Zielsetzung. Er möchte zum einen anhand der Geschichte der Hermeneutik in die Problematiken literaturwissenschaftlicher Deutungstechniken einführen. Er möchte zum anderen ein Verständnis dafür wecken, daß diesen Techniken stets ein tradierendes und kanonbildendes Element inhärent ist, daß also die literarischen Texte, die unsere Literaturgeschichte bilden, nicht unabhängig von der Geschichte ihrer Übersetzungen verständlich sind. Und er möchte drittens zeigen, daß den Werken selbst ein Widerstandspotential innewohnt, das sich gegen literarische und kulturelle, etwa religiöse, Traditionen formiert und das auch gegen die Zumutungen voreiliger Aktualisierung und Verallgemeinerung durch wildgewordene Methoden aktiviert werden kann.
Dem Grundkurs ist ein Tutorium zugeordnet, das die Möglichkeit bieten soll, in kleinerem Kreis mit eigenem thematischen Schwerpunkt Fragestellungen des Grundkurses zu vertiefen und zu diskutieren.