Tutorium
Rahel Villinger
Schlegels Athenäumsfragmente - moderne Literatur (Tutorium zum Grundkurs von Winfried Menninghaus)
Ein Fragment muss gleich einem kleinen Kunstwerke von der umgebenden Welt ganz abgesondert und in sich selbst vollendet sein wie ein Igel. Diese stachligen Wesen sind ein Kunststück moderner Literaturtheorie - Poesie, und zugleich Reflexion derselben. Im Tutorium sollen die Athenäumsfragmente (sowie ergänzende frühromantische Texte) als literarische Kunstwerke im Hinblick auf ihre damit verbundene Bestimmung von Literatur gelesen werden: Was ist mit der Forderung nach Selbstbezüglichkeit von Poesie gemeint? Was heißt es, dass Literatur zugleich auch Theorie ihrer selbst sein soll? Und was bedeutet uns (den Lesern und den Literaturwissenschaftlern) der umfassende Wert, den die Poesie dabei erhält?
Nach Wünschen der TeilnehmerInnen sollen auch kurze Stücke moderner Literatur (z.B. von Kleist, Baudelaire, Musil, Brecht, Borges o.a.) ausgewählt, und deren exemplarische Formen poetischer Selbstreflexion untersucht werden.
Nicht zuletzt soll die Diskussion auch zu einer Selbstreflexion der literaturwissenschaftlichen Arbeit führen: Welche Implikationen hat die hermeneutische Maxime der Romantik, man müsse ein Werk besser verstehen als der Autor selbst? Im 20. Jahrhundert formulierte man einen ähnlichen Gedanken als Verschwinden des Autors - und wir sollten uns fragen, wie wir mit einem autonomen (von außen stachlig unzugänglichen) Text gemäß dieser Maxime (wissenschaftlich) umgehen können.