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16423 Proseminar

Johannes Türk

Trauma - Wiederholung - Kontingenz: von Balzac zu Musil und Sebald


Wie kein anderes Krankheitsbild steht das Trauma für die krisenhafte Imagination und Erfahrung von Modernität. Vom psychischen Krankheitsbild ist es zum zentralen Moment kultureller Selbstbeschreibungsmuster avanciert. Paradigma eines traumatischen Ereignisses ist der Unfall, ein kontingenter Ausfall von Funktionsabläufen, der die psychische Verarbeitung durch seine Reizquantität oder durch seine schockartige Plötzlichkeit überfordert und eine Einbruchstelle in der Psyche hinterläßt. Kennzeichnend für das Krankheitsbild ist die psychische Unverfügbarkeit dieses auslösenden Ereignisses, das nur in seiner nachträglichen, und damit differenten, Wiederholung im Unfalltraum und in Symptombildungen erscheint. Symmetrisch dazu kann eine proleptische Wiederholung zur Abwehr traumatischer Erfahrung vorbereiten.

Die Erfahrungskonstellation, die in diesen Begriffen beschreibbar wird, ist nicht nur Kennzeichen der Moderne im engeren Sinn - vielmehr findet sie sich in der literarischen Imagination seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts, als in der Zeit nach der Französischen Revolution erstmals Kontingenzbewältigung als historisches Problem erscheint. Damit hebt sich die Periodisierung des Kurses bewußt von der Traumatheorie der vergangenen Jahrzehnte ab.

Das Seminar soll diese Figur von Balzacs Erzählungen Adieu und Colonel Chabert - wo sie im Kontext der Napoleonischen Kriege erstmals auftritt - über Musils Der Mann ohne Eigenschaften bis hin zu Sebalds Roman Austerlitz verfolgen und eine literarische Archäologie der Parameter Trauma - Wiederholung - Kontingenz versuchen. Begleitend werden theoretische Texte von Freud bis Deleuze gelesen.

Literatur:

  • Cathy Caruth: Unclaimed Experience: Trauma, Narrative, and History.
    Baltimore und London 1996.
  • Gilles Deleuze: Différence et Répétition.
    Paris 1968.
  • Sigmund Freud: Das Unheimliche und Jenseits des Lustprinzips. (Diverse Ausgaben).
  • Ruth Leys: Trauma: A Genealogy.
    Chicago und London 2000.
  • Inka Mülder-Bach (Hrsg.): Modernität und Trauma: Beiträge zum Zeitenbruch des Ersten Weltkrieges.
    Wien 2000.


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