16424 Proseminar
Camp: queere Ästhetik zwischen Kult, Kitsch und Trash
Mit ihrem Essay Notes on Camp von 1964 hat Susan Sontag erstmals versucht, ein üppiges, aber nicht leicht zu fassendes Stilphänomen zu beschreiben, das man als Flirt oder Haßliebe zwischen Subkultur und ästhetischem Mainstream bezeichnen könnte. Es umfaßt so unterschiedliche Kunstwerke wie Literatur von Proust, Wilde und Woolf, Kunst von Warhol, Musik von R. Strauss und den Village People, Experimentalfilme von Anger, Fotografien von Pierre und Gilles und Travestie-Performances. Denn Camp ist eine Kunstform, die in erster Linie von einer bestimmten Sensibilität oder einem Habitus getragen wird und damit eine verschworene Kultus-Gemeinschaft von Connaisseuren und Connaisseurinnen bilden kann.
Die ironische Überhöhung von Ikonen des kulturellen Mainstream im Camp signalisiert einerseits Distanz und andererseits den Wunsch nach gesellschaftlicher Teilhabe. Camp ist deshalb sozusagen die intellektuelle Form von Kitsch. Historisch ist Camp an geschlechtliche und sexuelle (vor allem schwule) Subkulturen gebunden, läßt sich in seinem identitätsüberschreitenden Flottieren aber am besten als queer beschreiben und hat seine Spuren im hoch- und popkulturellen Mainstream hinterlassen. Geformt wurde Camp von den ästhetischen Avantgarden des späten 19. Jahrhunderts, nährte sich aus dem Formempfinden des Underground und ist inzwischen wohl in der Popkultur auf- und untergegangen.
Das Seminar möchte dem ästhetischen Habitus von Camp mit allen Wassern der Stilanalyse zu Leibe rücken. Ausführliche Beispielanalysen werden begleitet von theoretischen Texten. Ein Schwerpunkt liegt auf der Literatur, es werden aber auch viele andere Künste betrachtet.
Einführende Literatur:
- David Bergman: Camp Grounds. Style and Homosexuality.
Amherst (University of Massachusetts Press) 1993.
- Michael Bronski: Culture Clash. The Making of Gay Sensibility.
Boston 1984.
- Fabio Cleto: Camp. Queer Aesthetics and the Performing Subject: A Reader.
Edinburgh 1999.