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16427 Proseminar

Nicola Gess

Musik als Sprache - Sprache als Musik?


Daß Musik eine Sprache sei, behaupten viele Musikästhetiker vom 18. Jahrhundert bis heute. Doch wie dieses Verhältnis genau zu bestimmen sei, ob Musik sich die Wortsprache zum Vorbild nehmen solle, oder ob sie nicht vielmehr eine der Wortsprache überlegene Sprache sei, der sich die literarische Sprache annähern solle - an diesen Fragen schieden und scheiden sich die Geister.

Im Seminar werden wir diesen Fragen und den durch sie ausgelösten Debatten nachgehen. Adornos These, daß sich „die Sprachähnlichkeit der Musik erfülle, indem die Musik sich von der Sprache entferne“ („Fragment über Musik und Sprache“, 256), soll uns dabei als Einstieg in die Thematik dienen. Im ersten, systematisch angelegten Teil des Seminars werden wir uns mit semiotischen Sprachtheorien und deren Anwendung auf Musik befassen. Nach einer einleitenden Lektüre grundlegender semiotischer Schriften (z.B. von Saussure, Peirce, Jakobson, Eco) werden wir uns zunächst mit Jean Jacques Nattiez’ Versuch einer musikalischen Semiologie auseinandersetzen, um danach Susanne Langers symboltheoretisches Musikverständnis genauer in den Blick zu nehmen. Schließlich werden wir uns mit Texten zur musikalischen Rhetorik aus dem 18. Jahrhundert (z.B. von Mattheson, Forkel) beschäftigen und damit den Bogen zum zweiten, historisch angelegten Teil des Seminars schlagen.

Im Zentrum der Diskussion werden nun Texte stehen, die Kritik an der Wortsprache anmelden und Musik als eine andere, bessere Sprache etablieren wollen. Dabei werden wir uns zunächst mit der Wende von der Rhetorik zur sogenannten musikalischen Ausdrucksästhetik sowie mit Theorien vom Ursprung der Sprache aus der Musik befassen (z.B. von Rousseau), um uns dann der metaphysischen Deutung von Musik als „rätselhafter Sprache“ des „Rätselhaftesten“ (E.T.A. Hoffmann) und schließlich dem Zusammenhang von tiefgreifender Sprachskepsis und Musikbegeisterung bei Nietzsche zuzuwenden. Aus diesen sprachkritischen Tendenzen gehen Bestrebungen hervor, Sprache in Musik zu verwandeln. Solchen Versuchen (z.B. in Brentanos Dichtung oder in dadaistischen Lautgedichten) soll der Schluß des Seminars gewidmet sein.

Zum Einstimmen für diejenigen, die Zeit und Lust haben:

  • Theodor W. Adorno: „Fragment über Musik und Sprache“.
    in: Quasi una fantasia. Musikalische Schriften II.
    in: Gesammelte Schriften. Band 16. Hrsg. v. Rolf Tiedemann.
    Frankfurt am Main (Suhrkamp) 21990, S. 251 - 256.
  • Raymond Monelle: Linguistics and semiotics in music.
    Philadelphia (Harwood Academic) 1992.
  • Barbara Naumann: Die Sehnsucht der Sprache nach der Musik. Texte zur musikalischen Poetik um 1800.
    Stuttgart (Metzler) 1994.
  • John Neubauer: The emancipation of music from language.
    New Haven und London (Yale UP) 1986.


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