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Modul AVL 131b – 16405 Proseminar

Gert Mattenklott

Reisen als literarisches Paradigma


Die Reise liefert seit dem Anfang aller literarischen Überlieferung Stoffe und Formen des Erzählens. Vom Gilgamesch-Epos über die Wanderungen von Moses mit dem Volk Israel; von Homers Odyssee und der Aeneis des Vergil über die Fahrten der Kreuzritter und Pilger des Mittelalters; von den Erkundungen der Aufklärer Cook, Forster und Alexander von Humboldt bis zu den Odysseen des 20. Jahrhunderts im Spektrum von Joyce bis Derek Walcott prägt der Reisebericht die Literatur. Seine Konstruktion des Erzählers, der Episodenstruktur der Erzählung, die Aufmerksamkeit für das Unerhörte und die Faszination durch das Abenteuer tragen zur Ausbildung des literarischen Formenkanons bis in die Gegenwart bei. Selbst Brinkmanns Tagebuch Rom. Blicke steht in dieser Tradition. Migrationserfahrung, Tourismus und abgepreßte Globalisierungseffekte treten zusammen.

Für eine historische Anthropologie der Literatur ist die Bedeutung des Reisens ein starkes Argument. Die Reise hat stets als Existenzmetapher gegolten. Andererseits sind ihr wesentliche Bedeutungen aus den Umständen der großen Völkerwanderungen von der Antike bis zu den Migrationen unserer Dezennien zugewachsen. Wesentliche Charakteristika von Literatur dieser Jahre, wie die Hybridisierungen verschiedener Kulturen in einem und dem selben Text, erklären sich aus der Völkerwanderung unserer Zeit, die an Ausmaß und Auswirkung die „klassischen“ Völkerwanderungen weit hinter sich läßt.

Der Kurs will die Aufmerksamkeit für die Konstellation von Literatur und Reisen jenseits von stoff- und motivorientierten Untersuchungen wecken. Der Vorbereitung dient am besten die Lektüre der hier genannten Werke.

Fortsetzung im Sommersemester 2005: Modul AVL 132b.


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