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16447 Proseminar
Die nicht mehr neuen Menschen. Anthropologische Entwürfe in der russischen Gegenwartsliteratur
Der russische Roman der letzten zwei Jahrzehnte gibt widersprüchliche Antworten auf die Frage nach Ort und Gestalt des Individuums. Einerseits scheinen sich im Zeichen einer Ästhetik des Bösen, Morbiden und Monströsen basale anthropologische Konstanten aufzulösen. Während jedoch das epische Subjekt durch körperliche Enthemmungen und Entgrenzungen zerschlagen wird, werden literarische Figuren andererseits ausdrücklich als Erben der Tradition des realistischen Romans gezeigt. Die Helden unserer Zeit, die die zeitgenössische Prosa bevölkern, verkörpern mögliche und vor allem unmöglich gewordene Lebensentwürfe und Individuationskonzepte unter den Bedingungen einer als kontigent erfahrenen Realität.
Das Seminar will der Frage nachgehen, wie sich angesichts der unterschiedlichen poetischen Verfahren die anthropologische Aktualität des Romans beschreiben läßt. Dabei wird es insbesondere auch darum gehen, sich der wichtigsten Vorläufer der postmodernen (Anti-)Helden zu vergewissern, um herauszuarbeiten, wie die Geschichte der Gattung als Geschichte von Subjektentwürfen verworfen und wie sie weitergeschrieben wird.
Anhand einer eingehenden formalen Analyse ausgewählter Werke wie Jurij Mamleevs Šatuny, Vladimir Sorokins Roman, Vladimir Makanins Underground ili geroj našego vremeni und Jurij Galperins Lešakov soll darüber hinaus der Frage nachgegangen werden, wie die monströsen und desaströsen Subjektent/ver/würfe ihren Niederschlag in der Textstruktur finden. Gebiert das transgressive Erzählen immer auch einen monströsen Text? Und ist der Roman, der die Geschichte eines Scheiternden erzählt, selbst desaströs?
Literatur:
- Viktor Erofeev (Hrsg.): Russkie cvety zla. Moskau 1995,
deutsch: Viktor Erofeev (Hrsg.): Tigerliebe. Berlin 1995.
- Boris Groys: Der Text als Monster.
in: Wespennest. Zeitschrift für brauchbare Texte und Bilder. 89 (1992), S. 54-61.
- Jochen-Ulrich Peters und German Ritz (Hg.): Enttabuisierung: Essays zur russischen und polnischen Gegenwartsliteratur. Bern und Berlin 1996.
- Mark Lipoveckij: Russian Postmodernist Fiction: Dialogue with Chaos. Armonk u.a. 1999.
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