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16473 Hauptseminar

Georg Witte

Das Gesicht. Ein Ort der Literatur


Das Gesicht ist ein „Ort“ der Literatur in mehrfachem Sinn: als in Texten tradierter Topos, als privilegierte Ausdrucksinstanz des menschlichen Körpers, die einen unendlichen schriftlichen Diskurs ihrer Lektüre provoziert, als Bild respektive Portrait, das einer „Beschreibung“ (Ekphrasis) unterliegt, als gemaltes oder fotografiertes Gesicht des Autors, als „Gesicht“ des beschrifteten Papiers.

Das Seminar versucht, der literarischen Bedeutung des Gesichts innerhalb eines Spannungsfelds nachzugehen, das man vorläufig so skizzieren könnte: Auf der einen Seite haben wir die rhetorische Verfaßtheit, die Figurativität, das Gesetzte und Behauptungshafte des Gesichts: als Prosopopoiia wird das sprechperfomativ „verliehene“ Gesicht im dekonstruktivistischen Diskurs zu einer Art Schlüsselfigur für die Rhetorizität literarischer Texte. Auf der anderen Seite gilt das Gesicht als Inbegriff einer den Makel der Arbitrarität, der maskierenden Konvention, der „willkürlichen Sprache“ abstreifenden, „natursprachlichen“ und „unmittelbaren“ Signifikation – im Sinne der charakteroffenbarenden Physiognomie.

In einer literarischen Geschichte des Gesichts lassen sich vielleicht exemplarisch die Konkurrenzen eines sprachkonstruktivistischen und eines zutiefst sprachskeptischen Denkens verfolgen. Es soll vor diesem Hintergrund untersucht werden, wie literarische Texte ihren Figuren Gesichter geben und wie sie ihre Gesichter zu Figuren machen (wie facies und fictio sich bedingen). Es wird zu fragen sein, wie Literatur selbst Teil einer Geschichte anthropologischer Diskurse ist, die das Gesicht immer neu „erfinden“ als Überkodierung des Körpers. Dieses „Gesicht“ – als kulturelles Konstrukt – läßt sich wiederum in einer Polarität verorten: zwischen der Maske und dem Antlitz.

Schließlich ist das Gesicht der Literatur ein Gesicht der Schrift, womit hier eine Phänomenalität des literarischen Texts in seiner medialen Verfaßtheit gemeint ist – das Schriftbild, das seinen Leser „anblickt“ (besonders manifest in der Poesie).

Vorbereitende Lektüre:

  • Cynthia Chase: „Einem Namen ein Gesicht geben“.
    in: Anselm Haverkamp (Hrsg.): Die paradoxe Metapher. Frankfurt am Main 1998, S. 414-436.
  • Gilles Deleuze und Félix Guattari: Tausend Plateaus. Berlin 1992. (Kapitel 7: „Das Jahr Null. Die Erschaffung des Gesichts“).
  • Umberto Eco: „Die Sprache des Gesichts“.
    in: Umberto Eco: Über Spiegel und andere Phänomene. München 1988, S. 71-82.
  • Georg Simmel: „Die ästhetische Bedeutung des Gesichts“.
    in: Georg Simmel: Aufsätze und Abhandlungen 1901-1908. Band 1 (Gesamtausgabe Band 7). Frankfurt am Main 1995, S. 36-42.
  • Jean-Paul Sartre: „Gesichter“.
    in: Christa Blümlinger und Karl Sierek (Hg.): Das Gesicht im Zeitalter des bewegten Bildes. Wien 2002, S. 257-262.

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